Einige meiner Leute helfen gerade bei der Spargelernte

Natürlich ist die Corona-Pandemie eine Katastrophe. Für viele Menschen geht es, je länger der Zustand andauert, um nicht weniger als ihre Existenz. Das gilt nicht zuletzt auch für die Gastronomie. Trotz alledem hat sich Zeljko Jagodíc einen Rest Humor erhalten. Jagodíc ist Besitzer des Doppeladlers in Haldern. „Meine Frau und meine Kinder sind ganz glücklich“, sagt er, „denn all die Zeit, die ich in den letzten 15 Jahren nicht hatte, habe ich jetzt.“

Essen zum Abholen

Danach wird die Unterhaltung ernster. Im Doppeladler sind insgesamt 30 Mitarbeiter beschäftigt. „Davon sind 17 fest angestellt, dazu kommen drei Teilzeitkräfte – die anderen sind Aushilfen.“ Zehn Angestellte sind nach wie vor im Einsatz, denn Jacodíc bietet, wie momentan viele seiner Gastronomiekollegen, Essen zum Abholen an. „Das läuft ziemlich gut. Ich bin auch allen Kunden dankbar, die uns damit sehr unterstützen.“ Der Mai und der September seien, so Jagodíc, die stärksten Monate des Jahres. Der Umsatz: Derzeit um 75 bis 80 Prozent eingebrochen. Wenn abends die Bestellungen eingehen, geht es darum, im Fünf-Minuten-Takt Essen auszugeben. Jagodíc: „So schaffen wir 12 Essen pro Stunde – viel mehr ist nicht zu machen.“ Am Wochenende arbeiten dann fünf Leute in der Küche und zwei „vorne“. „Es geht darum, das Essen auszugeben und die Bestellungen anzunehmen“, erklärt Jagodíc. Von montags bis freitags sind in der Küche drei Leute beschäftigt. „Pfanne, Grill, Beilagen“, beschreibt Jagodíc die Aufgaben in der Küche und ergänzt: „Am Wochenende haben wir natürlich mehr Bestellungen als durch die Woche.“ Spülkräfte werden derzeit nicht gebraucht.

Spargel ernten

Fünf aus seiner Mannschaft arbeiten derzeit in Elten bei der Spargelernte. „Die sind bei einem unserer Spargellieferanten im Einsatz.“ Und wie sind die Rückmeldungen: „Ich glaube, die haben sich diesen Job einfacher vorgestellt und merken gerade, dass Spargelstechen echte Knochenarbeit ist“, fasst Jagodíc die ersten Erfahrungen seiner Leute zusammen. „Wir haben noch einen zweiten Lieferanten – nämlich Storm in Haldern. Ich denke, auch da werden demnächst einige meiner Leute arbeiten.“ Die Bezahlungsmodelle sind unterschiedlich. „Die einen zahlen nach geernteten Kilos, die anderen zahlen Stundenlöhne.“
Derzeit wäre im Restaurant Spargelzeit. „Normalerweise verarbeiten wir dann zwischen 140 und 200 Kilo Spargel pro Woche. Jetzt sind es gerade einmal 30 bis 40 Kilo.“
80 Prozent der Kunden des Doppeladlers wohnen in einem Umkreis von rund 20 Kilometern. „Die anderen kommen von überallher“, so Jagodíc. Das Essen geht aber derzeit nicht nur an Halderner, „es gibt auch Leute, die aus Wesel, Bocholt oder Emmerich bestellen, ihr Essen dann abholen und zum Teil auch eigenes Geschirr mitbringen.“

Niemanden entlassen

Würde ein Lieferservice Sinn ergeben? Jagodíc: „Wir liefern auch – aber erst ab einem Bestellwert ab 150 Euro. Alles andere ist nicht wirtschaftlich. Du kannst nicht für eine Portion Spargel nach Emmerich fahren.“ Allerdings denkt Jagodíc schon darüber nach, was zu tun ist, wenn der momentane Zustand länger andauert: „Kann sein, dass wir es dann doch mit einem Lieferservice versuchen.“
Jagodíc hat ein Ziel: „Ich möchte, wenn es sich irgendwie machen lässt, niemanden entlassen müssen.“ Das aber hängt nicht zuletzt auch davon ab, wie lange der momentane Zustand anhält. „Wir haben ja noch den Vorteil, dass die Immobilie uns gehört. Wenn man in diesen Zeiten auch noch Pacht zahlen muss, ist das kaum zu schaffen.“

50 Prozent

Fragt man Jagodíc danach, wie viele Gastronomen die Krise „nicht überleben“ werden, wirkt er noch nachdenklicher. „Das wird nicht sofort zu spüren sein. Ich glaube, dass die wirklichen Folgen erst circa ein Jahr nach dem Wiederanlaufen zu sehen sein werden. Ich schätze mal, dass bis zu 50 Prozent der Betriebe danach von der Bildfläche verschwinden.“ Viele hänge auch damit zusammen, wie man in den letzten Jahren gewirtschaftet habe. „Wir werden die Kredite, die das Land bietet, in Anspruch nehmen müssen, aber die Kredite sind nicht umsonst. Man muss auch Zinsen zahlen und irgendwann muss man das stemmen. Wir haben das hier im Lauf der letzten zehn, fünfzehn Jahre aufgebaut. Was jetzt passiert, wirft uns wieder ganz weit zurück.“ Die Gastronomie, so Jagodíc, stehe weit unten in der Wirtschaftshierarchie. „Wir sind meist nicht mehr als Bittsteller“, sagt er.

Keine Touristen im Hotel

Gerade erst hat er in ein Hotel investiert. „Das liegt ja momentan auch größtenteils brach. Touristen dürfen wir nicht aufnehmen. Bei uns wohnen ausschließlich Handlungsreisende. Wir sind auch verpflichtet, das nachzuprüfen.“ Aufnehmen dürfte ein Hotel auch „Gestrandete“. „Wenn jemand mit dem Auto liegen bleibt, kann es ja nicht sein, dass er auf der Straße übernachten muss.“
Auch die Absage der beiden großen Festivals, Haldern Pop und Parookaville, bekommt Jagodíc zu spüren. Während der jeweiligen Festivals heißt es normalerweise in seinem Hotel: Nichts geht mehr. „Für Parookaville gibt es schon einen Termin im nächsten Jahr und die Leute buchen den auch schon. In Haldern ist es noch nicht sicher.“

Ein halbes Jahr – dann geht es sehr, sehr an die Substanz

Zum Schluss geht es noch mal um die Angestellten: „Einige meiner Leute kommen ja aus Kroatien und Montenegro. Die kommen derzeit aber nicht nach Hause. Wo sollen die also hin?“ Ein halbes Jahr könne er, so Jagodíc diesen Zustand durchhalten. „Danach wird es sehr, sehr an die Substanz gehen. Ich hoffe ja, dass wir vielleicht im Juni Lockerungen bekommen werden. Ach ja – das noch: Jagodícs Vorname Zeljko bedeutet so viel wie ‚Wunsch‘. Niemand muss prophetische Fähigkeiten haben, um zu wissen, was Jagodí sich wünscht: „Es soll möglichst bald wieder losgehen.“