Pflegeheime und die große Hilfsbereitschaft in der Corona-Krise

Seniorenwohn- und Pflegeheime freuen sich über Spenden, kämpfen aber auch mit horrenden Preissteigerungen bei Schutzausrüstung

Pflegeheim Corona
Über selbstgenähte Gesichtsmasken freuen sich die Mitarbeiter von Haus Boeckelt in Geldern. Foto: privat

GELDERLAND. Lieferengpässe bei Schutzkleidung in Folge der Corona-Pandemie haben längst eine deutschlandweite Debatte ausgelöst. Doch nicht nur Krankenhäuser und Hausärzte klagen über zur Neige gehende Vorräte (die NN berichteten). Auch Seniorenwohn- und Pflegeheime sind von der Corona-Krise in besonderem Maße betroffen. Sie kämpfen mit knappen Vorräten und teils schwindelerregenden Preissteigerungen.

Aus Sicht von Rainer Wilmsen, Geschäftsführer von Haus Boeckelt in Geldern, hat die Corona-Krise zwei Seiten. „Was mich wirklich stört, ist die Habgier einiger Anbieter und Hersteller. Sie haben die Preise selbst für die Billig-Masken vervier- bis verfünffacht“, berichtet Wilmsen von Unternehmen, die sich schlicht bereichern wollen. „Manche Artikel sind sicherlich teurer geworden – dass man aber so viel aufschlägt und versucht, in der jetzigen Situation den großen Reibach zu machen, ist für mich unverständlich.“

Auch Dr. Detlev Kiss, Hausarzt  aus Wachtendonk, bestätigt die mit den Lieferengpässen einhergehenden, teils horrenden Preissteigerungen. Für FFP2-Masken, die normalerweise 45 Cent kosten, habe er zuletzt 14,50 bezahlen müssen. „Teils werden sogar bis zu 30 Euro veranschlagt“, ärgert sich Kiss.

Menschen spenden Gesichtsmasken und Schutzkleidung

Doch es gibt auch die andere Seite der Krise: die Hilfsbereitschaft innerhalb der Bevölkerung. Immer wieder melden sich bei Wilmsen Privatpersonen, die Gesichtsmasken, Desinfektionsmittel, mitunter sogar Schutzkleidung spenden wollen. Wilmsen erzählt von einem Fall, der ihn besonders berührt hat: „Eine ältere Dame, die selbst pflegebedürftig ist, hat uns ihre Erstausstattung gespendet mit den Worten: Ihr braucht die Sachen dringender als ich.“

Eine „Lawine der Hilfsbereitschaft“ hat auch Dr. Kiss in den Tagen nach dem NN-Bericht erreicht. Patienten hätten sich gemeldet und Desinfektionsmittel, Schutzanzüge und selbst FFP2-Masken gespendet. „Ich kann den Menschen nur danken, wie sie sich engagieren“, sagt Kiss. Die Spenden seien sehr willkommen, denn von der Kassenärztlichen Vereinigung habe er nur einen viertel Liter Desinfektionslösung, fünf Schutzanzüge und zehn -masken erhalten.

Ähnlich sieht es bei der Diakonie im Kirchenkreis Kleve aus. Sie habe vom Kreis Kleve 50 OP-Masken (dreilagiger MNS) erhalten anstatt der 6.000 benötigten, zehn statt 200 FFP2-Masken und zwei Liter Handdesinfektion anstatt 200 Liter. Andere bestellte Schutzausrüstung sei erst gar nicht geliefert worden. Ob weitere Lieferungen erfolgen werden, habe der Kreis Kleve nicht sagen können. „Die MNS-Masken reichen für ein Viertel der Einsätze an nur einem Tag. Mit den FFP2-Masken kann ein Covid-19-Patient bei entsprechenden Einsätzen bis zu fünf Tage gepflegt werden, und das Desinfektionsmittel ist bereits nach zwei Tagen aufgebraucht“, weiß Jörg Schlonsok, stellvertretender Pflegedienstleiter und Hygienebeauftragter der Diakonie. „Um überhaupt handlungsfähig zu bleiben, mussten wir auf dem freien Markt Schutzausrüstung erwerben, wobei die aufgerufenen Preise um ein Vielfaches höher sind als bisher“, sagt Malcolm Lichtenberger, Fachbereichsleiter der pflegerischen Dienste.

Bestellungen bei seriösen Anbietern

Es gibt allerdings auch noch seriöse Anbieter, die versuchen, die Preise in einem vernünftigen Rahmen zu halten, wie Rainer Wilmsen betont. Bei eben diesen habe sein Sohn Maik, Einrichtungsleiter von Haus Boeckelt, zusammen mit Pflegedienstleitung Natalie Lindner schon frühzeitig angefragt und auch bestellt, soweit möglich. Doch der Vorrat ist begrenzt, die Schutzkleidung wird eben für die tägliche Arbeit benötigt. „In der Öffentlichkeit mag es ausreichen, sich an die bestehenden Regeln zu halten und den Sicherheitsabstand einzuhalten. Das funktioniert aber nicht in der Pflege.“ Und mit der Ausgabe von Schutzkleidung für die Pflege zu warten, bis ein konkreter Corona-Fall im Haus vorliegt, „fände ich fatal“.

Ähnlich wie Dr. Kiss, ist auch Rainer Wilmsen begeistert von der Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung. Gleichzeitig gelte es, dabei auf Nummer sicher zu gehen. „Die Stoffmasken sind keine Schutzmasken, sondern Mund- oder Gesichtsmasken“, erläutert Wilmsen. Diese bieten nur bedingt Schutz. Doch Not macht erfinderisch: „Wir testen, ob sich bei den Stoffmasken Filter einnähen lassen.“ Bei einem ersten Versuchslauf habe es schon gut funktioniert. Anstelle von Schutzkleidung habe man mit Regenponchos experimentiert. Und ein Chemie-Unternehmen habe dem Haus Laborkittel zukommen lassen.

 

Pflegeheim Seepark Corona
Osterüberraschung für die Bewohner von Haus Boeckelt: Marc Janssen vom Seepark Geldern übergibt einen Korb voller Ostersüßigkeiten an Ute Wilmsen.
Foto: privat

Viel Verständnis für Besuchsverbote

Es gibt gerade in den Pflegeheimen aber noch eine weitere Seite der Corona-Krise: die menschliche. Seit Wochen besteht ein Besuchsverbot, das auch für Angehörige gilt. „Unsere Bewohner haben dafür viel Verständnis“, ist Rainer Wilmsen erleichtert. Man versuche, mittels Videotelefonie Kontakte zwischen Bewohnern und der Familie zu ermöglichen. „Das ist schon mal mehr, als nur die Stimme am Telefon zu hören.“

Viel Arbeit, aber auch viel Verantwortung lastet derzeit auf den Schultern der Pflegekräfte. „Ich kann ihnen nur einen großen Dank aussprechen“, sagt Wilmsen. „Sie kommen jeden Tag zur Arbeit, sind rund um die Uhr für die Senioren da. Sie verzichten auf Urlaub oder stellen ihn zurück.“ Gleichzeitig verhalten sie sich sehr verantwortungsbewusst: Wer bei sich selbst Symptome feststellt, kommt nicht zur Arbeit, sondern lässt sich unverzüglich testen.

Trotz allem sieht Rainer Wilmsen in der Corona-Krise auch positive Signale: „Man nimmt ja seit einiger Zeit eine Verrohung in der Gesellschaft wahr. Die aktuelle Hilfsbereitschaft zu erleben, ist eine Wohltat und Balsam für die Seele. Es gibt immer noch Menschen, die einfach helfen wollen und die sich freuen, helfen zu können.“