Weltparallelen – die Kunst hinter der Kunst

Entzaubert man ein Museum, wenn darüber erzählt wird, was im Hintergrund alles passieren muss, damit am Ende eine Ausstellung stattfindet? Die These des Autors: Auf gar keinen Fall. Es geht doch darum, den Menschen klarzumachen, dass eine Ausstellung mehr ist als Bilder an die Wand zu hängen. Also mal eine Selbsteinladung zum Chef des Museums Kurhaus Kleve, Harald Kunde. Aufklärung in Sachen Kuratorenhandwerk.

Die Mischung macht’s

Kurator und Kurator – das ist wahrscheinlich nicht immer das gleiche?
Kunde: Ja. Wenn du freischaffender Kurator bist – das habe ich ja auch zwei Jahre lange gemacht –, denkst du an diese eine Ausstellung, für die du gerade verantwortlich bist. Wenn du aber das Glück und Vergnügen hast, ein solches Haus [das Museum Kurhaus Kleve; Anm. d. Red.] zu leiten, muss du in größeren Zusammenhängen denken. Wir möchten unserem Publikum ein Angebot machen, das verschiedene Gruppen anspricht.
Das brauche ich genauer.
Kunde: Nun ja – wir möchten eine gute Mischung zwischen zeitgenössischer Kunst und kunsthistorischen Ausstellungen herstellen.
Ist das nicht ein ziemlicher Spagat?
Kunde: Ja – so kann man das durchaus bezeichnen und ich darf mal ganz unbescheiden sagen, dass das nur wenige Häuser so hinbekommen.
Ist das permanent umsetzbar?
Kunde: Sagen wir es einmal so: Das lässt sich nicht in jedem Jahr erreichen, aber es ist die Zielvorstellung.
Was ist eigentlich schwieriger?
Kunde: Ich glaube, das Wort ‚schwierig‘ impliziert ja ungewollt, dass anderes nicht schwierig ist. Fest steht, dass kunsthistorische Ausstellung nicht selten langwieriger in der Vorbereitung sind. Sie erfordern ungeheuer viel Recherche auf den unterschiedlichsten Gebieten. Unser Ziel: Alle zwei bis drei Jahre eine kunsthistorische Ausstellung von Bedeutung. Wer sich die letzten Jahre anschaut, wird feststellen, dass uns das gelungen ist.
Govert Flinck, Hendrick Goltzuis
Kunde: Zwei gute Beispiele für wichtige Ausstellungen.
Auf was dürfen wir uns als nächstes freuen?
Kunde: Geplant ist eine Ausstellung, die sich mit Jan Baegert befasst.
Wer ist das und wann hat der gelebt?
Kunde: Baegert hat Mitte 15. Jahrhundert bis in die 30-er Jahre des 16. Jahrhunderts gelebt. Geboren und gestorben ist es in Wesel. Diese Ausstellung wird von meiner Kollegin Valentina Vlasic vorbereitet. Wenn es also um Details geht, ist in jedem Fall sie die bessere Ansprechpartnerin.
Okay. Back to the roots.

NN-Foto: HF

Sichten auf den Zustand der Welt

Kunde: Also zurück in die Gegenwart. Da hatte das Haus natürlich schon vor mir einen guten Ruf erarbeitet. Viele der Künstler, die gezeigt wurden, waren gesetzte Typen der klassischen Moderne. Das wollte ich mit einem anderen Format aufbrechen. Wir haben dann die Sommergruppenausstellungen als neues Format eingeführt. Da haben dann verschiedenste Künstler Gelegenheit, um ein Thema herum ihre Sicht der Dinge zu zeigen.
Das wäre dann das, was man auch ‚Positionen‘ nennt.
Kunde: Richtig. Diese Sommerausstellungen waren ein frisches Format, aber auch das kann man nicht ewig fortführen. Wir haben es fünf Jahre lang gemacht. In jedem Sommer pi mal Daumen zehn Künstlerinnen und Künstler mit zehn unterschiedlichen Sichten auf den Zustand der Welt. Das ist schon eine ansehnliche Zahl. Natürlich kannst du als Ausstellungsmacher nicht hundertprozentig hinter jeder Haltung stehen, aber alle, die wir gezeigt haben, waren natürlich aus unserer Sicht in irgendeiner Hinsicht überzeugend. Da geht es dann um Intensität, Innovation, Schrägheit …
Intensität ist ja auch mal ein Stichwort. Ich gehe ins Museum, um Intensität zu erleben – um mich im besten Fall auf links ziehen zu lassen.
Kunde: Das unterschreibe ich. Die Bedeutung einer Ausstellung lässt sich nicht allein in Besucherzahlen abbilden, aber die sind natürlich am leichtesten greifbar. Was eine Ausstellung mit den Menschen macht – darauf kommt es an. In Zeiten von Corona findet ja Vieles nicht statt, aber ich glaube daran, dass die Menschen merken werden, dass etwas fehlt.
Musik, Kunst, Theater …
Kunde: Ganz genau. Ein Bild im Internet ist etwas anderes als ein Bild, vor dem du stehst. Und ein Live-Konzert ist etwas anderes als ein Tonträger.
Es reicht bestenfalls für einen ersten groben Eindruck.

Ettore Spaletti, NN-Foto: Rüdiger Dehnen

Essay des Raumes

Kunde: Zurück zu den Sommerausstellungen. In einem Haus wie dem unseren haben wir fantastische Räume. Da lässt sich spielen. Da wird Kunst zum räumlichen Essay. Es finden Konfrontationen statt oder Ergänzungen. Es ist immer spannend.
Gibt es einen „Publikumsanspruch“?
Kunde: Durchaus. Da geht es um große monografische Ausstellungen von lebenden Künstlern. Da bekommt dann ein Künstler nicht nur einen Raum oder einen Ausschnitt, sondern das ganze Haus. Eine solche Ausstellung macht dann auch die Entwicklung eines Künstlers deutlich.
Ein Beispiel?
Kunde: Llyn Foulkes.
Wann war das?
Kunde: Llyn Foulkes war von Dezember 2013 bis März 2014 zu sehen und an dieser Ausstellung lässt sich einiges zeigen. Alle Ausstellungen haben Geschichten, aber man kann nicht alle Geschichten erzählen.
Diese wohl?
Kunde: Ja.
Dann los!

Llyn Foulkes. NN-Foto: HF

Die Foulkes-Geschichte

Kunde: Im April 2012 habe ich hier angefangen. Natürlich hatte ich bestimmte Vorstellungen von dem, was ich machen wollte. Man ist ja dann wie ein offener Saugfilter. Dann kam die documenta – Juni 2012. Bei der documenta gibt es für Kuratoren und Museumsleute drei sogenannte Preview-Days. Da geht man hin und trifft die Künstler. Zur eigentlichen Eröffnung sind viele von denen schon nicht mehr da.
Schade eigentlich.
Kunde: Ja. Beuys war da eine Ausnahme: der ist mal eine komplette documenta hindurch in Kassel geblieben. Hat sich dem Publikum gestellt. Ein grandioser aber anstrengender Einfall. Nach ihm hat das niemand mehr gemacht.
Zurück zu Foulkes.
Kunde: Also, ich war bei der Preview und jemand, der mich gut kannte sagte mir: Harald, da gibt es diesen total schrägen Typen, der auf einem selbstgebauten Instrument spielt. Das musst du dir unbedingt ansehen.
Und?
Kunde: Natürlich habe ich mir den Typen – es war Llyn Foulkes – angesehen, der irgendwie jede Stunde einmal auf diesem schlagzeugartigen Ding spielte. Der saß da – vollkommen abgedreht. Das war mein Erweckungserlebnis in Sachen Llyn Foulkes. Der Typ war damals 77.
Siehe oben: Gesetzter Typ der klassischen Moderne …
Kunde: Nur keine Hähme.
Weiter …
Kunde: Der Auftritt dauerte circa 15 Minuten. Foulkes war eingerahmt von zwei riesigen Materialbildern, die später dann auch bei uns zu sehen waren.
Du hast den Typen also angesprochen …
Kunde: Das hätte ich gern, aber der war gleich nach seinem Auftritt verschwunden. Aber ich hatte schon den Plan im Kopf, genau diesen Typ nach Kleve zu holen und seine Arbeiten zu zeigen.
Wie hast du‘s angestellt?
Kunde: Natürlich habe ich mir überlegt, wie ich an den ran komme. Ich habe den dann zuhause gegoogelt, aber nirgends stand ein Kontakt. Die in Kassel, dachte ich, die müssen das doch wissen. Tatsächlich habe ich dann – quasi hinter vorgehaltener Hand – eine Emailadresse bekommen.
Hinter vorgehaltener Hand?
Kunde: Sagen wir: so nach dem Motto „hier haben Sie was, aber Sie haben es nicht von mir“. Daran sieht man – ganz nebenbei: Es geht nicht ohne Netzwerke.
Wie ging‘s weiter?

Jannis Kounellis, NN-Foto: Rüdiger Dehnen

L. A. – New York – Kleve

Kunde: Ich habe den angeschrieben und gefragt, ob er sich vorstellen kann, in einem sehr schönen deutschen Museum auszustellen …
und …
Kunde: … dann habe ich wochenlang nichts gehört.
Too bad.
Kunde: Nicht wirklich, denn nach ein paar Wochen bekam ich dann eine Mail vom „Hammer Museum“ in Los Angeles.
Was schrieben die?
Kunde: Sie hätten gehört, stand da, dass wir uns für das Werk von Llyn Foulkes interessieren und das träfe sich sehr gut. Geplant war die ultimative Llyn Foulkes Retrospektive. Ob wir – fragten die dann – bei diesem Projekt mitmachen wollen.
Klingt ziemlich gut.
Kunde: Geht noch besser. Am Ende gab es drei Stationen für diese Ausstellung: Los Angeles, New York und …
…lass mich raten: Museum Kurhaus Kleve.
Kunde: Das war natürlich ein Riesenglück. Eine so große Ausstellung hätten wir allein von hier aus niemals vorbereiten können. Die dortige Kuratorin, Ali Subotnick, war Wochen und Monate in Foulkes‘ Atelier.
Jetzt hat man also einen Plan. Wie wird der umgesetzt?

Förderungen

Kunde: Na ja – es geht natürlich immer auch um Geld. Es geht um Sponsoren, es geht um Eigenanteile und dann geht es um Anträge – immer wieder Anträge. Teure Ausstellungen – und Foulkes gehörte dazu – finden immer über den Jahreswechsel statt.
Warum?
Kunde: Das hat etwas mit den Budgets zu tun. Man nützt dann quasi zwei Budgets. Aber fest steht: Es geht auf gar keinen Fall ohne Unterstützung. Das ist der Punkt, an dem eine Planung zum Pokerspiel wird.
Wo holt man die Gelder her?
Kunde: Es gibt Institutionen, die für die Förderung zuständig sind, aber du hast natürlich keine Garantie, etwas abzubekommen vom Förderkuchen, denn es gibt viele Mitbwerber.
Wer fördert?
Kunde: Das ist in erster Linie das Land NRW, Ministerium für Kunst und Wissenschaft. Fast alle Museen sind ja in städtischer Trägerschaft – ausgenommen die Großen wie K20 und K21. Die sind staatlich und somit anders ausgestattet. Alle anderen Häuser können ohne Landesmittel keine anspruchsvollen Ausstellungen machen. Anträge kann aber nur stellen, wer auch über Eigenmittel verfügt und eben das ist bei uns der Fall. Wer über keine Eigenmittel verfügt, kann keine Anträge stellen.
Klingt irgendwie nach einem Teufelskreis.
Kunde: Es gibt für die anderen Häuser noch die regionale Kulturförderung. Da ist dann der Eigenanteil ganz gering, aber das ist dann ein ganz anderes Thema.
Das war‘s dann mit den Möglichkeiten?
Kunde: Ganz und gar nicht. Es gibt da auch noch die Kunststiftung NRW. Auch da kann man Anträge stellen. Darüber entscheidet dann eine Jury. Das bedeutet, wenn man von denen Gelder bekommt, ist das schon eine Art Auszeichnung und Anerkennung für das, was man macht. Es ist ein Zeichen dafür, dass die Arbeit eines Hauses geschätzt wird. Natürlich kannst du vorher nie wissen, ob‘s klappt oder nicht. Die Stiftung ist aber nicht nur für Museen zuständig sondern auch für alle anderen Sparten wie Musik und Literatur, Tanz und so weiter. Ein grandioses Förderinstrument – übrigens zurückzuführen auf eine Idee von Johannes Rau.
Das waren dann die Adressen?
Kunde: Nein. Außer der Stadt Kleve kommt auch unserem Freundeskreis eine enorme Bedeutung zu. Die normale Konstellation ist also: Stadt, Freundeskreis, Ministerium, Stiftung. Aber im Fall von Llyn Foulkes hat das nicht gereicht. Ich habe also gedacht: Wenn Foulkes gerade auf der documenta war, sollte er doch für die Kulturstiftung des Bundes auch interessant sein. Genau so war es dann auch.
Gab es Bedingungen?
Kunde: Genau. Foulkes war gerade auf der documenta, hieß es – Sie müssen sich dann schon noch etwas Zusätzliches einfallen lassen. Das hat dann in Form von Konzerten mit experimenteller Musik stattgefunden, mit der wir die Ausstellung flankiert haben.
Können wir über Geld sprechen – nichts Konkretes … nur so ein „von-bis“?
Kunde: Die günstigsten Ausstellungen sind natürlich Neupräsentationen der eigenen Sammlung. Das ist ja das Wunderbare an einem Museum: Wir haben Sammlungen – Sammlungen, die sich permanent erweitern und unmöglich in Gänze zu zeigen sind. Sich dann im Rahmen einer Sammlungspräsentation mit den Dingen neu auseinanderzusetzen, ist immer wieder spannend, weil man ja auch als Kurator in den eigenen vier Wänden zum Entdecker werden kann. Finanziell stellt sich das sehr entspannt dar. Keine Transporte und also keine Transportversicherungen – alles, worüber wir gleich noch sprechen, stellt sich in einem solchen Fall einfacher dar.
Und die Kosten?
Kunde:Da bleiben wir in aller Regel im vierstelligen Bereich.
Und wenn es dann wirklich kostenintensiv wird …
Kunde: … dann kann das – bitte immer an die Fördermittel denken – bis zu 250.000 Euro kosten. Ich will jetzt nicht in die „Peanuts“-Ecke gestellt werden, aber wenn ein Museum sagen wir eine Picasso Ausstellung mit Leihgaben aus aller Welt macht, dann sind die 250.000 Euro Teil der berühmten Portokasse.

Bilderputzen vor der Eröffnung des Ausstellung mit Werken von Luca Blalock, NN-Foto: Rüdiger Dehnen

Es gibt keinen demokratischen Kunstbegriff

Gehen wir einen Schritt weiter. Förderungen bewilligt, Konzept durchgebracht – und dann kommt die Wirklichkeit, sprich: die Kunst trifft ein.
Kunde: Das Ganze hat ja auch mit Kontakten zu tun. Ich bin damals – und zwar auf eigene Kosten – zur Eröffnung der ersten Ausstellung nach L.A. geflogen. Die Ausstellung in Kleve war zu diesem Zeitpunkt noch keine 100-prozentige Gewissheit. Das meinte ich vorhin auch, als ich vom Pokerspiel sprach. Du kannst es dir nicht leisten, bei einer solchen Ausstellungseröffnung nicht dabei zu sein.
Shake hands …
Kunde: Ja. Auch. Es geht darum, den Künstler zu treffen – ihm zu sagen: I am so happy that you will come to Kleve. Das musst du machen. Sonst funktioniert es nicht.
Klingt so, als gehört auch Risikobereitschaft dazu.
Kunde: In jedem Fall. Am Niederrhein heißt es ja: Von nix kommt nix. Das ist der schmale Grat zwischen Risiko und Hasardeurtum.
Nur noch mal für zwischendurch: Man stellt sich ja vor, da ist ein Künstler, der ausgestellt werden soll – den ruft man an und vereinbart einen Termin.
Kunde: Klingt gut, funktioniert aber meist nicht. Es gibt die zehn von 100 Künstlern, die jeder zeigen will. Die erreichst du nicht. Die anderen 90 würden in jedem Museum ausstellen. Aber wenn es einer von den Zehnen ist, beginnen die Geschichten. Dann sind die Netzwerke wichtig, die Verbindungen, die einer hat.
Wer entscheidet eigentlich, was wichtig ist?
Kunde: Jetzt wird‘s spannend. Es gibt keinen demokratischen Kunstbegriff. Jeder Entscheidungsträger muss sich zu dem bekennen, was er für wichtig hält. Dazu gehört Haltung. Das ist die zentrale Aufgabe des Kurators oder Museumsleiters: Programme und Linien festlegen. Für die, die nicht dabei sind, ist das immer ganz bitter und ungerecht. Du kannst natürlich beschließen, Künstler in alphabetischer Reihenfolge auszustellen, aber die Frage ist doch, ob du damit allen gerecht wirst. Man kann es sich einfach machen, aber das ist eben nicht der Anspruch. Als Kurator musst du wissen, was los ist in der Welt.
…in der Kunstwelt.
Kunde: Da sind wir bei der Frage, ob es die Kunst ohne die Welt nicht gibt oder ob es umgekehrt ist. Am Ende muss die Wahrheit aufgeteilt werden.
Kleve ist aber auch ein Teil der Welt.
Kunde: Natürlich. Auch hier gibt es wichtige Künstler. Zum 70. von Günter Zins wird es natürlich eine Ausstellung geben. Zins ist einer von denen, dessen Bedeutung über Kleve hinaus reicht.
Die Welt nach Kleve holen?
Kunde: Genau. Und das hat in unserem Haus von Beginn an stattgefunden. Diese Entwicklung dauert an.
Zurück zu Foulkes.

Tag X

Kunde: Los Angeles hat also irgendwann das Foulkes-Paket geschnürt. Dann geht es vor Ort darum, das umzusetzen. Es geht darum, Dinge auf den Millimeter zu vermessen und festzulegen, wie und wo sie gezeigt werden sollen.
Millimeterarbeit?
Kunde: Ja. Da kommen dann am Tag X riesige Kisten hier an und die müssen bewegt werden. Die passen dann nicht in unseren Aufzug. Die wurden teils durch ein Fenster in der Mataré-Etage reingehievt. Die Sachen wurden also mit einem Kran über das große Fenster ins Haus geschafft. Das sind die Augenblicke, da stehst du da, hältst die Luft an und begreifst: Zwei Zentimeter mehr und die Sache wäre vorbei gewesen. Das sind Augenblicke, da bist du mit Adrenalin aufgepumpt und denkst: Was hab ich eigentlich für ein Glück. Es ist ja der Wahnsinn.
Gut – die Sachen sind drin. Ihr macht die Kisten auf.
Kunde: Von wegen. Die Arbeiten kommen in Klimakisten. Die stehen erst mal 24 Stunden: Akklimatisierung. Und dann kommt erst mal der Zoll. Du darfst diese Kisten aus den USA nicht einfach öffnen. Wenn der Zoll dann da ist, werden die Kisten im Beisein der Kuratoren beziehungsweise der Kuriere der jeweiligen Museen geöffnet. So nennt man die Leute, die quasi mitgeliefert werden. Kontrollinstanzen. Im Fall von Foulkes war das …
… Ali Subotnick.
Kunde: Gut aufgepasst. Die Kurierin war also gleichzeitig die Kuratorin. In jeder Kiste findest du dann ein Protokoll, dass die Arbeit und ihren Zustand genauestens beschreibt. Anhand dieses Protokolls ist, sollte etwas mit einer Arbeit passieren, nachzuverfolgen, wer der Verursacher ist. Zu jedem Kunstwerk gehört ein Bild und eine Zustandsbeschreibung. Da steht dann beispielsweise: „Bild Nummer 19 aus dem Jahr 1978. Zustand sehr gut. Rechte obere Ecke leicht beschädigt – in Klammern noch: Kaum sichtbar.“ Es geht darum, den physischen Zustand der Arbeit so exakt wie möglich zu erfassen – in Wort und Bild. Manchmal, wenn eine Beschädigung auftritt, kann man ziemlich genau verfolgen, wo das passiert ist.
Dann sind die Sachen ausgepackt – jetzt wird probiert?

Haim Steinbach, NN-Foto: Rüdiger Dehnen

Ausstellungstechnik

Kunde: Probiert? Jetzt schlägt die große Stunde der Ausstellungstechniker. Ohne die läuft gar nichts. Wie gut ein Haus ist – das hat eine Menge mit den Technikern zu tun. Das kann man nicht hoch genug einschätzen. Die müssen ja das Konzept der Kuratoren oder der Künstler umsetzen.
Ist Ausstellungstechniker eigentlich ein Ausbildungsberuf?
Kunde: Nein. Nicht, so weit ich weiß. Aber die Leute sich natürlich ausgebildet. Viele kommen vom Handwerk und oder haben beim Messebau gearbeitet.
Messebau ist aber bestimmt ein guter Ansatz.
Kunde: Auf jeden Fall. Beim Messebau musst du verschiedenste Disziplinen beherrschen und du musst mit Stress umgehen können, denn du hast ein bestimmtes Zeitfenster – da muss dann alles passieren. Das ist wie bei uns im Museum. Im Kurhaus haben wir tolle Leute. Ich habe auch schon anderes erlebt. Da sind dann Leute am Werk gewesen, die irgendwann den Hammer fallen lassen: Dienst nach Vorschrift. Das kriegst du dann nicht geregelt.
Im Kurhaus haben wir tolle Leute. Übrigens ist der Kurier auch beim Aufbau noch dabei. Wenn ein Werk dann einmal an seinem festen Platz ist, darfst du es nicht mehr bewegen. Das wird dann fotografiert, es gibt ein weiteres Zustandsprotokoll. Fertig. Und all das – um mal vorzugreifen – passiert am Ende wieder. Ich meine die Zustandsprotokolle, bevor die Sachen wieder auf die Reise gehen. Ali Subotnick war eine Woche lang in Kleve. Natürlich ist es ein Wahnsinnsgefühl, wenn plötzlich das, woran du ein Jahr oder länger gearbeitet hast, Gestalt annimmt – wenn dieser Atem in den Raum fließt.
Passiert all das bei jeder Ausstellung?
Kunde: Ja und nein. Sorgfalt ist immer das oberste Gebot. Aber wenn du eine kleine Ausstellung hast, bei der der Künstler vor Ort ist, dann hast du mehr Spielraum. Wenn der einen Tag, nachdem ein Werk platziert wurde kommt, es sich anders überlegt hat und das Sinn ergibt, dann werden wir das ermöglichen. Gar keine Frage. Aber bei Ausstellungen wie der von Llyn Foulkes ist alles bis ins Letzte strikt geregelt. Und auch wenn es nervt, hilft das natürlich allen, denn es verhindert Beliebigkeiten.

Generalprobe – Konzert

Das ist dann wie das Konzert für den Musiker.
Kunde: Na ja – eher die Generalprobe. Das Konzert – das sind die Eröffnung und das Publikum mit seinen Reaktionen. Darum geht es doch. Natürlich geht es auch um Besucherzahlen, aber wir kommen zurück zum Anfang: Was Menschen bewegt ist das, was zählt.
Da fällt mir die aktuelle Ausstellung ein: „Purple“ von John Akomfrah
Kunde: Ist das nicht ein Wahnsinn? Wir haben eine Ausstellung, die in Deutschland nur bei uns gezeigt worden wäre. Wir haben einen unglaublichen Aufwand betrieben und niemand kann es sehen.
Das hat natürlich einen Grund: Corona.
Kunde: Das will ich auch nicht kleinreden – überhaupt nicht. Aber traurig sein muss man dürfen.
Ist eigentlich mit der Eröffnung alles vorbei?

Parallelwelten

Kunde: Ganz und gar nicht. Abgerechnet wird am Schluss. Nach einer Ausstellung – und dann haben wir noch nicht über das Begleitprogramm gesprochen – geht es wieder um Geld. Und auch da passieren manchmal noch verrückte Sachen. Manchmal kann es vorkommen, dass ein Teil der angekündigten Zuschüsse dann doch nicht fließen. Und eines darfst du nicht vergessen – hier ist der Bogen dann geschlagen: Während all das passiert, sind ja die nächsten Projekte in der Planung. Du lebst also als Kurator in verschiedenen Zeitebenen. Vorbereitung, Nachbereitung, aktuelle Ausstellung. Parallelwelten.
Und du musst immer informiert sein. Von nix kommt nix.
Kunde: Genau. Und da ist das gesamte Team, in dem es natürlich unterschiedliche Ansätze gibt, die gebündelt und auf einen Energiestrahl geleitet werden müssen. Allein bekommst du nichts hin im Museum. Du musst alle – von den Fachkollegen bis zur Kassenkraft – alle auf die einzelnen Projekte einstimmen. Es funktioniert sonst nicht. Kann nicht funktionieren.
Schon irgendwie der Wahnsinn.
Kunde: Und am Schluss noch mal die Ballhöhe: Zu unserem Job gehört es, sich Dinge vor Ort anzusehen. Eine Ausstellung machst du nicht vom Sessel aus und die Ideen gibt es meist in der Wirklichkeit.

NN-Foto: Rüdiger Dehnen