Das Kerngeschäft läuft weiter: Interview mit Georg Bartel

Der Neue

Georg Bartel ist 58 Jahre alt. Beruf: Polizist. Dienstgrad: Leitender Polizeidirektor. Für den Kreis Kleve ist er der operative Polizeichef – das klingt irgendwie besser als „Abteilungsleiter“. Sein Chef: der Landrat als Behördenleiter. Bevor er nach Kleve kam, war Bartel Direktionsleiter GE beim Polizeipräsidium Oberhausen. GE – das steht für: Gefahrenabwehr/Einsatz. Der „Abteilungsleiter“ Polizei „ist Vorgesetzter aller Dienststellen und ihrer Mitarbeiter. Er macht dem Behördenleiter Vorschläge für die strategische Ausrichtung der Behörde und trägt die Verantwortung für die polizeiliche Sicherheitsarbeit der Direktionen Gefahrenabwehr und Einsatz, Kriminalitäts- und Verkehrsunfallbekämpfung und Zentrale Aufgaben.
Bei großen polizeilichen Lagen im Kreis Kleve übernimmt er die Einsatzleitung“. [Quelle: https://kleve.polizei.nrw/artikel/georg-bartel]

Der 1. Tag

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Arbeitstag? Pardon – natürlich erinnern Sie sich. Sie sind 58 – fernab der Vergesslichkeit. Also: Wie war‘s?
Bartel: Ziemlich entspannt. Der Landrat hat mich begrüßt. Von Corona war noch nicht die Rede. Also: Es war ein angenehmer, ruhiger Tag.
Wie wird man eigentlich Abteilungsleiter? Bewirbt man sich oder ruft jemand an und sagt: Jetzt Sie!
Bartel: Man bewirbt sich. Ein ganz normaler Vorgang.
Und dann folgt, denke ich, ein Auswahlverfahren.
Bartel: Ein Auswahlverfahren findet natürlich nur statt, wenn es mehrere Kandidaten mit gleicher Qualifikation gibt.
Daraus schließe ich: Sie waren der einzige Bewerber mit der erforderlichen Qualifikation.
Bartel: Das ist richtig.
Was ist der Anreiz für eine solche Bewerbung?
Bartel: Eine solche Position ist – positiv gesehen – eine Herausforderung.
Ist das eigentlich auch mit einer Beförderung verbunden?
Bartel: In meinem Fall ja. Ich bin vom Polizeidirektor zum leitenden Polizeidirektor befördert worden.
Glückwunsch nachträglich.
Bartel: Vielen Dank.

“Erkennungsdienst”

Und jetzt legen wir richtig los.Erkennungsdienstlich gesehen die erste Frage: Wer ist Georg Bartel?
Bartel: Georg Bartel ist 58. Den Dienstgrad und die Funktion kennen Sie bereits. Georg Bartel ist verheiratet und hat einen 25-jährigen Sohn, der auf sein Abschlussexamen als Mediziner wartet.
In der Frage, wann und ob das Examen stattfindet, steckt natürlich schon Corona. Aber wissen Sie was: Das machen wir später. Wir sind noch nicht fertig mit Teil 1. Wo wohnen Sie?
Bartel: Ich wohne in Mülheim an der Ruhr.
Werden Sie umziehen?
Bartel: Das ist nicht geplant. Mülheim ist der Mittelpunkt meines privaten Kosmos – der Kreis Kleve ist Zentrum meines beruflichen Lebens.
Ist das nicht eine elende Fahrerei?
Bartel: Man muss azyklisch denken und sich dementsprechend bewegen. Ich brauche in der Regel eine Stunde, um nach Kleve zu kommen. Das passt.

Wie ist der Neue?

Und wie ist der neue Abteilungsleiter? Pardon – ich nenne Sie doch lieber den operativen Polizeichef. Also: Was ist das für ein Typ? Dreht der erst mal alles auf Links?
Bartel: Tut er nicht. Der sieht sich die Behörde erst mal in aller Ruhe an. Es gibt ja so etwas wie die 100-Tage-Frist. Die nutze ich, um mir alles in Ruhe anzusehen und ein Gespür für die Behörde zu bekommen. Wo sind Dinge, die wirklich gut laufen und wo solche, die vielleicht noch Potenzial haben.
Heißt im Gegenschluss: Wenn etwas gut ist, wird man es nicht ändern.
Bartel: Ganz genau. Warum sollte man das tun?
Mir fällt da ganz spontan der Opferschutz bei der Kreispolizeibehörde Kleve ein. Ich habe darüber öfter berichtet und finde, die machen ziemlich gute Arbeit. Werden Sie die Voraussetzung dafür erhalten?
Bartel: Uneingeschränktes Ja.
Gerade sagten Sie, dass „wir“ darüber sprechen, wenn sich etwas ändern soll. Ist dieses ‘Wir’ ein Bekenntnis?

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Polizeiarbeit ist immer Teamarbeit

Bartel: Ich könnte jetzt wieder mit ‚uneingeschränktes Ja‘ antworten. Polizeiarbeit ist immer Teamarbeit – egal an welcher Stelle einer arbeitet. Wenn einer versuchen würde, so einen Laden allein zu managen, würde er scheitern. Ich setze also sehr auf Kommunikation. Etwas anderes ist eigentlich gar nicht denkbar.
Wie kommunziert der operative Polizeichef?
Bartel: Ich wechsele jetzt mal in die 1. Person: Es ist sehr wichtig, die Mitarbeiter einzubeziehen – insbesondere natürlich die unmittelbaren Mitarbeiter. Es geh darum, zu beraten und sich beraten zu lassen. Ich treffe mich täglich mit dem Team. Da geht es dann um Austausch zu Themen wie: Was (ist) passiert in der Behörde? Das sind relativ kurze Runden. Einmal wöchentlich findet dann eine ausführliche Runde statt, wo es darum geht, was es darüber hinaus zu besprechen gibt.
Wer sind die unmittelbaren Mitarbeiter?.
Bartel: Das sind die Direktionsleiter Gefahrenabwehr/Einsatz, Kriminalität, Verkehr, Zentrale Aufgaben und der Leitungsstab.
Für wie viele Mitarbeiter sind Sie als operativer Polizeichef verantwortlich?
Bartel: In der gesamten Behörde sind das roundabout 500.
Da fällt mir – ganz spontan – noch die Frage ein, wie der Neue mit Kritik umgeht? Ist das ein Problem?
Bartel: Ob ich gut mit Kritik umgehen kann, bewerten ja andere. Für mich kann ich sagen, dass ich Kritik geradezu erwarte. Ich nehme für mich nicht in Anspruch, immer alles richtig zu machen. Daher bin ich für konstruktive Kritik offen und dankbar.

NN.Foto: Rüdiger Dehnen

Corona und die Polizei

Kommen wir zum Unvermeidlichen: Corona. Ändern sich die Abläufe?
Bartel: Wir haben in Sachen Corona eine Führungsgruppe eingerichtet, aber es ist mir wichig zu sagen, dass unser – nennen wir es Kerngeschäft – weiterläuft und auch laufen muss. Für die Führungsgruppe geht es darum, zentral und über Direktionsgrenzen hinweg die Dinge, die mit Coroana zu tun haben, zu bündeln, zu strukturieren und dann zu den Direktionen weiterzugeben.
Das klingt, mit Verlaub, sehr theoretisch.
Bartel: Sorry. Sagen wird es konkreter: Es geht um Kräfteplanung und und darum, Kräfteübersichten zu erstellen. Aber es geht auch darum, wo wir eventuell nachbessern müssen, um handlungsfähig und einsatzbereit zu bleiben.
Geht es auch darum, die Kontakteinschränkungen zu kontrollieren?
Bartel: Darum kümmern wir uns auch, aber in erster Linie sind da die Ordnungsämter zuständig. Wenn wir eigene Feststellungen haben, werden wir natürlich tätig.
Wenn Sie also von einer Corona-Party erfahren, sind Sie dabei.
Bartel: Ja, aber nicht zum Mitfeiern. Wir würden einschreiten.
Aber das „Hauptgeschäft“ der Polizei bleibt unverändert.
Bartel: Natürlich. Straftaten, Unfälle und all diese Dinge passieren ja auch in Corona-Zeiten.

Sicherheit

Könnte ja sein, dass momentan weniger Geschwindigkeitskontrollen stattfinden, weil ihre Mitarbeiter anderweitig eingesetzt werden.
Bartel: Bleiben wir mal bei diesem Punkt: Geschwindigkeitskontrollen betreffen ja den Bereich (Verkehrs)Sicherheit. Den können, wollen und dürfen wir als Polizei nicht außer Acht lassen. Wenn der Eindruck entstünde, dass wir als Polizei beispielsweise auf dem Gebiet Sicherheit nachlassen, würden sich da gegebenenfalls Dinge entwickeln, die für niemanden gut sind. Daher erfüllen wir natürlich unsere Aufgaben weitestgehend. Andererseits müssen wir auch Dinge umsetzen, die durch das Corona-Schutz-Gesetz erforderlich sind und werden. Anders gesagt: Wir bündeln natürlich unsere Kräfte im Kampf gegen Corona, aber – und das ist ein fettgedrucktes Aber: Unser Kerngeschäft läuft weiter.
Wie sieht es – Thema Verantwortung – mit den Verhaltensmaßnahmen für Ihre Mitarbeiter aus?
Bartel: Alle sind natürlich zur Befolgung der Hygienemaßnahmen verpflichtet, aber man muss auch sagen: Wir können nur versuchen, Ansteckungsgefahren zu mininieren – ausschließen lassen sie sich nicht. Wichtig ist, nicht in Panik zu verfallen. Den Polizisten wird in diesen Tagen – so wie manchen anderen Berufsgruppen auch – mehr zugemutet. Denken Sie an die Pflegekräfteund Ärzte in Krankenhäusern, aber auch an Kassierer im Supermarkt. Das ließe sich ohne weiteres noch fortsetzen. Alle versuchen, sich so weit wie möglich zu schützen, aber eine Gewähr, sich nicht anzustecken, kann ihnen niemand geben. Auch wir können unseren Mitarbeitern eine solche Gewähr nicht geben.

Mitarbeiter – Mutarbeiter

Mitarbeiter sind also auch Mut-Arbeiter … zurück zum Thema: Gibt es eigentlich erste Erkenntnisse darüber, dass sich beispielsweise derzeit weniger Unfälle ereignen – schlicht und ergreifend, weil es weniger Verkehr gibt?
Bartel: Darüber jetzt eine Aussage zu machen, wäre vorschnell. Haben Sie Verständnis, dass ich das an dieser Stelle nicht tun kann. Sollte es – später einmal – belastbares Material dazu geben, werden wir das natürlich auch kommunizieren.
Man hört ja von Psychologen, dass aufgrund der momentanen Situation die Fälle von häuslicher Gewalt zunehmen könnten.
Bartel: Das ist etwas, das uns durchaus Sorgen bereitet. Wenn Menschen auf unabsehbare Zeit – wie soll ich sagen – zusammenhocken, dann kann das zu vermehrten Konflikten führen. Je länger ein solcher Zustand andauert, desto eher ist das möglich, aber wir sollten erst einmal optimistisch nach vorn schauen. Panik hilft niemandem.
Ich wünsche Ihnen und Ihren Mitarbeitern, dass Sie gesund und vor allem auch optimistisch bleiben und Ihnen viel Erfolg im Kreis Kleve.