Wenn alles still steht: Corona und die Kultur

Zweimal Harald – einmal Corona. So beginnt der Tag. Harald Kleinecke ist Chef der Jugendkunstschule „Theater im Fluss“ in Kleve, Harald Kunde leitet das Museum Kurhaus Kleve. Beide haben momentan viel abzusagen.

Theaterfrei

Beim Theater im Fluss fallen derzeit zwölf laufende Kurse aus. „Zudem mussten wir vier Veranstaltungen absagen. Drei davon waren Theaterveranstaltungen, die vierte war ein Konzert.“ Das Theater im Fluss ist derzeit doppelt gebeutelt, „denn wir wollten eigentlich umbauen und dabei viel in Eigenleistung erbringen, aber all das ist momentan nicht möglich, weil die Ehrenamtler, mit denen wir das durchziehen wollten, derzeit nicht zur Verfügung stehen“, sagt Kleinecke, aber das ist nur eine der „Baustellen“, denn dann wären da noch die Honorarkräfte.

Honorarkräfte

Kleinecke: „Insgesamt arbeiten acht Honorarkräfte für das Theater im Fluss. Da steht jetzt im Raum, dass denen auch Einkünfte wegbrechen.“ Dazu kommen Fragen wie: Wenn für geplante Projekte Fördermittel geflossen sind, die Projekte aber abgesagt werden müssen – müssen die Fördergelder zurückgezahlt werden? „Natürlich hört man überall, dass man sich um die Künstler kümmern will, aber was nachher wirklich passiert, kann ja jetzt noch niemand sagen“, blickt Kleinecke in eine unsichere Zukunft und fügt hinzu: „Ich bin erst mal hoffnungslos optimistisch.“ Eine vielsagende Wortkombination.

Theater im Fluss im Netz

Sichtbar unsichtbar

Im Kurhaus Kleve haben sie eine sensationelle Ausstellung am Start („Purple“ von John Akomfrah), die jetzt niemand zu sehen bekommt. Harald Kunde: „Auch wenn das Museum für Besucher gesperrt ist, haben wir jede Menge zu tun.“ Einer der höchst arbeitsintensiven Brocken: die Digitalisierung der Sammlung. „Momentan machen sich auch unsere Aufsichten Sorgen“, erklärt Kunde. Insgesamt sind das zehn, die nicht vom Museum oder von der Stadt beschäftigt werden sondern von einer Fremd-Firma. „Die Firma will zunächst einmal weiter zahlen. Aber die werden natürklich versuchen, das Geld zurückzuholen.“ Merke: In einem geschlossenen Museum sind Aufsichten eher überflüssig. „Die Aufsichten sind erst einmal abbestellt und wissen noch nicht, was aus ihren Honoraren wird.“ Dazu kommen noch alle, die Führungen anbieten oder Workshops in der „Wunderkammer“. Alles abgesagt.

Digitalisierung

„Wir versuchen derzeit, unsere FüMis (Führungsmitarbeiter, Anm. d. Red.) mit in das Digitalisierungsprojekt einzubinden. Das ist eine Frage der Logistik, denn wir haben ja nur eine begrenzte Zahl an Scannern und da geht es dann um einen gut getakteten Zeitplan“, erklärt Kunde.
Hinter den Kulissen wird also weiter gearbeitet. Kunde: „Wir arbeiten an der Vorbereitung der nächsten Ausstellungsprojekte, aber auch da steht ja noch nicht fest, ob wir dir Zeitpläne halten können.“ Kundes Devise: Nachdenken, Positionsbestimmung.
Im Museumscafé soll es Umbauten geben. Jetzt ist die Zeit. Das sieht beim Theater im Fluss anders aus: Still und starr ruht der See. Nichts geht mehr. Harald Kleinecke: „Wir mussten auch unsere Osterworkshops absagen.“ Auf die Dauerfrage, wann es wieder „normal“ laufen wird, hat niemand eine Antwort – nicht im Museum, nicht beim Theater. Alle arbeiten zunächst einmal auf den 19. April hin. Vielleicht kann bis dahin wieder etwas stattfinden. Niemand weiß es.

Leider nicht zu sehen: John Akomfrahs „Purple“. NN-Foto: Rüdiger Dehnen

Museum Kurhaus im Netz

Theater Total

Hanni Barfuß ist Tourneekoordinatorin beim Bochumer „Theater Total“. Das Theaterprojekt, in dem Jugendliche ein Jahr lang intensiv und täglich an einer Inszenierung arbeiten, mit der es anschließend auf Deutschlandtorunee geht, war bereits mehrmals in der Klever Stadthalle zu Gast. Barfuß: „Auch in diesem Jahr hatten wir bereits einen Aufführungstermin für unsere neue Produktion, Sheakespeares Sommernachtstraum.“ 45 Aufführungen an 26 Spielstätten standen auf dem Tourneeplan. Die Premiere sollte am 27. März in Bochum stattfinden, der Auftritt in Kleve war für den 27. April geplant.

Proben sind nicht möglich

Barfuß: „Wir mussten wegen der aktuellen Lage unsere Premiere absagen, denn wir dürfen aktuell auch nicht proben. Selbst wenn wir davon ausgehen, dass nach dem 19. April wieder gespielt werden darf, wäre es nicht zu schaffen, die Aufführung in Kleve zu spielen. Wie gesagt: Momentan kann das Ensemble nicht proben. Sollte das nach dem 19. April wieder möglich sein, müssen wir aber erst einmal wieder den Stand erreichen, an dem wir aus dem Probenprozess ausgestiegen sind. Daher haben wir die Aufführung in Kleve von unserer Seite aus abgesagt.“ Wird es einen Nachholtermin geben? „Das versuchen wir, aber natürlich müssen da Termine völlig neu synchronisiert werden und es steht noch nicht fest, ob wir das an allen Tourneeorten hinbekommen werden.“

Theater Total im Netz

mini-art

Auch das Theater mini art stellt den Spielbetrieb vorübergehen ein. „Corona hat auch uns fest im Griff: Bis auf weiteres müssen auch wir unseren Spielbetrieb einstellen – eine für ein freies Theater bedrohliche Situation: Vorstellungen, Gastspiele, Tourneen fallen aus – und leider auch unsere Theaterprojekte und -workshops. Das ist besonders bitter für unsere Langzeitprojekte, denn damit müssen wir den weiteren Entwicklungs- und Entstehungsprozess der eigenen Produktionen der Gruppen unterbrechen und eventuell auch ohne Ergebnis, also ohne Aufführungen beenden. Natürlich stehen die gesundheitlichen Vorsichtsmaßnahmen zu Recht im Vordergrund und wir befolgen sie konsequent“, schreiben Crischa Ohler und Sjef van der Linden. Es gibt auch gute Nachrichten vom Theater mini art: „Wir sind mit unserer neuesten Produktion ‚Ein Schaf fürs Leben‘ in der Regie von Rinus Knobel von zwei Auswahljurys zu zwei der wichtigsten NRW-Festivals eingeladen: zum Festival WESTWIND in Castrop-Rauxel und zu SPIELARTEN im Herbst in unterschiedlichen NRW-Städten. Wir fühlen uns geehrt und freuen uns sehr.“

Szenenfoto aus der aktuellen mini-art-Produktion „Ein Schaf fürs Leben“. NN-Foto: HF

mini-art im Netz

Haste Töne?

Sigrun Hintzen ist künstlerische Leiterin der Konzerte der Stadt Kleve. Auch da macht sich Corona bemerkbar. „Wir mussten bisher zwei Konzerttermine absagen.“ Für eines der beiden Konzerte ist es die zweite Absage. „Den Termin mussten wir neulich wegen des Sturmtiefs bereits verschieben“, bedauert Hintzen. Für die laufende Saison stehen ansonsten noch zwei Termine an, über die noch nicht entschieden ist. Bekommen die Künstler eigentlich Ausfallhonorare? „Das muss in jedem einzelnen Fall abgeklärt werden. Ich könnte mir vorstellen, dass man das tut, aber ich bin nicht der Kämmerer. Momentan gibt es ja auch im Internet Vorschläge, dass Leute, die Konzertkarten haben, sich das Geld nicht erstatten lassen, sondern es quasi an die Musiker weitergeben. Ich hatte auch kürzlich einen Anruf von einem unserer Konzertbesucher, der genau das vorschlug. Aber auch da muss ich sagen: Das liegt nicht in meinem Entscheidungsbereich. Ein Konzert verursacht ja auch im Vorfeld Kosten. Es werden zum Beispiel Plakate und Programmhefte gedruckt.“

Bescheid sagen reicht nicht

Längst hat Hintzen eine lange Liste für den Fall von Absagen. „Es ist ja nicht damit getan, dem Künstler Bescheid zu sagen. Ich muss beim Hotel anrufen, beim Klavierstimmer, bei den Leuten, die abends an der Kasse sitzen oder bei denen, die den Blumenschmuck liefern.“
Werden ausgefallene Konzerte nachgeholt? „Auch das ist eine schwierige Frage, denn dafür muss es ja erst einmal Termine geben. Die Künstler haben ihre Konzerte lange im voraus geplant. Und dann können wir ja auch nicht irgendwann mit kurzem Abstand alle Konzerte nachholen. Das wäre ja auch kontraproduktiv. Das Ganze ist also nicht einfach und dementsprechend lassen sich dazu jetzt erst einmal keine konkreten Aussagen machen.“

Sigrun Hintzen ist die künstlerische Leiterin der Konzerte der Stadt Kleve. NN-Foto: Rüdiger Dehnen

Konzerte der Stadt Kleve im Netz