… und Japan dann im Winter

Es ist Mittwoch, der 18. März, kurz vor 10 Uhr vormittags. Uwe Fröhlich sieht auf die Uhr: „Jetzt wäre ich eigentlich in den Flieger gestiegen“, sagt er. Eigentlich – ein bestimmendes Wort in Corona-Zeiten.
Fröhlich hatte, zusammen mit einem Verwandten – dem Schwager seines Pflgesohn – die Japan-Reise seit langem geplant. Die Daten: 9.55 Uhr von Schipol nach Zürich. 13 Uhr Weiterflug nach Narita International Airport, Tokyo. Flugnummer LX 160, Economy Class von Zürich (ZRH) nach Tokio Narita, (NRT), Terminal 1. Abflug Mittwoch, 18. März, 13 Uhr. Ankunft Donnerstag, 19. März, 8.30 Uhr.
Alles Schnee von gestern und ein Traum für morgen. „Wenn es geht, möchte ich die Reise zum Jahresende nachholen“, sagt Fröhlich. Das klingt optimistisch. Abgesagt hat er das „Projekt“ schon in der letzten Woche. „René hat gestern auch abgesagt.“

Rückblende

Uwe Fröhlich und Japan – das ist eine alte Bekanntschaft. 1970 war für ihn Japan-Premiere. Damals war Fröhlich 24 Jahre alt und arbeitete als Steward auf dem Frachter Balbina. „Die Balbina war ein OBO-Schiff.“ OBO steht für Oil-Bulk-Oil. „Wenn du Öl gefahren hast, kam das meist aus dem Persischen Golf oder aus den USA. Damit ging es dann beispielsweise nach Japan und von dort aus leer zurück – Öl laden.“ Die OBO-Schiffe wurden nach dem Abpumpen des Öls gereinigt und nahmen dann Massengut an Bord – zum Beispiel Erz und andere Schüttgutladungen. Deutsche Bezeichnung für Schiffe dieser Art: Tank-Schüttgutfrachter. Fröhlich: „Irgendwie ist ein Schiff ja auch eine Art Quarantäne. Du bist einen Monat unterwegs zum Ziel – bleibst meist gleich an Bord und dann geht es einen Monat lang zurück. „Von Norfolk, Virginia nach Yokohama – das waren rund 34.000 Kilometer.“
Das Leben an Bord: damals eine eher triste Angelgenheit. „Als Steward hatte ich sieben Tage die Woche zehn Stunden Dienst. Von 7 bis 13 und von 15 bis 19 Uhr.“ Fröhlichs Aufgabe: das Essen servieren und sich um die Zimmer des Kapitäns und des „Chief“ (der war quasi der erste Maschinist) zu kümmern. „Dazu kamen Reinigungsarbeiten wie zum Beispiel Messing polieren.“ Die Essenszeiten: Frühstück zwischen 7 und 8 Uhr. Teatime von 10 bis 11, Mittag von 12 bis 14 Uhr, Kaffee von 15 bis 16 Uhr und Abendessen von 17 bis 19 Uhr.
Die Matrosen und Offiziere arbeiteten im Schichtdienst. Fröhlich: „An Bord gibt es drei Wachen. Du arbeitest vier Stunden, hast acht Stunden Pause und arbeitest noch mal vier Stunden.“
Fröhlich hat viele Erinnerungsstücke aus dieser Zeit – eines davon: das Seefahrtsbuch. Da finden sich die Namen der Schiffe und die Dauer, die er auf ihnen gefahren ist:
Alexandra Satori: 4 Monate, 29 Tage. MS Rantum: 12 Monate, 22 Tage und dann noch einmal 13 Monate, 5 Tage. TT (Turbinentanker) Helma Entz: 12 Monate, 16 Tage und schließlich die Balbina: 12 Monate, 16 Tage. (Die „Identification Card für die T.T. Helma Entz verzeichnet neben den Fingerabdrücken des Uwe Alois Fröhlich Familienstand und Kenntnisse: Can he read? Yes. Can he write? Yes.)

An Bord

Am 19. Juni 1971 traten an Bord der Balbia neue Vorschriften in Kraft:
1. Das Rauchen an Deck – auch hinter dem Schornstein – ist untersagt.
2. Während des Aufenthaltes an Deck ist es untersagt, Streichhölzer oder Feuerzeuge mitzuführen.
Zehn Punkte insgesamt, und alles dreht sich um die Sicherheit. Fröhlich hat die „Bekanntmachung“ aufgehoben.
9: Es wird darauf hingewiesen, dass das Schiff im Hafen von den Beamten der Ölgesellschaften dauernd kontrolliert wird und Nichtbeachtung der Sicherheitsvorschriften zur Verhaftung und Bestrafung durch die örtlichen Behörden führen kann.“

120 Tage Urlaub

Fröhlich war meist ein Jahr auf dem Schiff. „Du bekamst dann pro Monat an Bord zehn Tage Urlaub. Kannst du dir ausrechnen: Am Ende dann also 120 Tage Urlaub. Aber das hat kaum einer ausgehalten. Die meisten sind nach drei oder vier Wochen wieder an Bord gegangen. Das Leben auf dem Land war ja teuerer als an Bord.“

Post für Fröhlich

Ach ja – in die Rubrik „Was tut man an Bord“ fällt noch folgende Geschichte: „Auf der Höhe von Kapstadt haben wir jedes Mal eine Postboje fertiggemacht“, erinnert such Fröhlich. Die Post war von untergeordneter Bedeutung. Das Ganze hatte eher Scherzcharakter: „Wir haben nicht nur Post in die Boje gepackt sondern auch eine Stange Zigaretten und oder eine Flasche Whiskey. Das war dann eine Art Flaschenpost. Ich habe immer auch einen Brief an mich geschickt. Und ein Mal ist der sogar angekommen. Den Brief habe ich natürlich aufbewahrt.“ Der Finder der Postboje ist damals mit der Geschichte auch zu einer Zeitung gegangen.

Lange Reise

Fünf Jahre arbeitete Fröhlich in der christlichen Seefahrt, dann musterte er ab. Es folgte eine ziemlich lange Reise. Sechs Monate Japan, drei Monate Korea (Süd), nochmal drei Monate Japan, drei Monate Taiwan und drei Monate China. Erinnerungsstücke aus dieser Zeit: Blutspendebescheinigungen. Fröhlich: Das war mein Geschenk an die Menschen.
Auf der Hinreise nach Japan war Fröhlich mit der Transsibirischen Eisenbahn unterwegs. „Von Wladiwostok [das ist der Endpunkt der Transsibirischen Eisenbahn; Anm. d. Red.] ging es dann mit der Fähre nach Yokohama“, erinnert sich Fröhlich. Von Peking aus reiste er schließlich mit dem Zug nach Berlin. Das war­ 1980. „1985 bin ich dann noch mal nach Japan gereist. Mein Fahrrad habe ich mitgenommen.“ Seit 1985 war Fröhlich nicht mehr in Japan.

Tokyo und Kirschblüte

Für die jetzige Reise war alles vorbereitet. Die Unterkünfte (Bed and breakfast) waren gebucht, das Bahn-Ticket (520 Euro) für drei Wochen bezahlt. Immerhin: Das Ticket ist nicht ungültig geworden, denn es gilt erst ab dem ersten Einsatztag vor Ort. „Auch die Unterkünfte werden erst dann bezahlt, wenn man anreist.“ Die Kosten für den Flug, den Fröhlich aus eigenen Stücken hat ausfallen lassen – wahrscheinlich in den Sand gesetzt.
Die Reise sollte in Tokyo beginnen. Osaka stand genauso auf dem Plan wie Kyoto. „Natürlich haben wir bei der Planung darauf geachtet, zur Zeit der Kirschblüte dort zu sein“, sagt Fröhlich. „Es ist schade, das jetzt alles abzusagen, aber es geht ja um eine vernünftige Entscheidung und: aufgeschoben ist auf keinen Fall aufgehoben“, sagt Fröhlich und fragt: „Wie spät ist es jetzt?“ „10.15 Uhr.“ „Dann wären wir wohl schon in der Luft.“