Risikogruppe

NIEDERRHEIN. Immer mehr werden die Maßnahmen zur Bekämpfung des Corona-Virus – und vor allem zur Verlangsamung der Ausbreitung – verschärft. Während sich viele Menschen an die Vorschriften halten, fragen sich andere Menschen gerade in den sozialen Medien häufig darüber, warum sie als „gesunde Menschen“ unter den Maßnahmen leiden müssen. Oft ist auch das Vorurteil zu lesen, dass nur ältere Menschen an dem Virus erkranken können. Die Niederrhein Nachrichten haben mit den Menschen gesprochen, für die das Virus gefährlich werden können: mit der Risikogruppe.

Laut Robert Koch Institut sind nicht nur ältere Menschen ab 50 bis 60 Jahren aufgrund des weniger gut reagierende Immunsystems als Risikogruppe zu sehen, sondern auch Menschen „mit verschiedenen Grunderkrankungen wie zum Beispiel Herzkreislauferkrankungen, Diabetes, Erkrankungen des Atmungssystems, der Leber und der Niere sowie Krebserkrankungen“. Zusätzlich dazu ist das Virus auch für „für Patienten mit unterdrücktem Immunsystem (zum Beispiel aufgrund einer Erkrankung, die mit einer Immunschwäche einhergeht, oder wegen Einnahme von Medikamenten, die die Immunabwehr unterdrücken, wie zum Beispiel Cortison)“ gefährlich.

Ein Husten kann zur Lungenentzündung werden

Für all diese Menschen kann das Corona Virus – im Gegensatz zu „gesunden“ Menschen – weitaus gefährlicher werden. Eine von ihnen ist zum Beispiel Vera Lane. Die 32-Jährige lebt in Kalkar und hat vor drei Jahren die Diagnose Brustkrebs erhalten. „Da ich noch nicht „geheilt“ bin aufgrund der Erkrankungen und sämtliche Medikamente, die ich noch einnehmen muss, zähle ich zu dieser Risikogruppe“, erklärt Lane.

Um eine Ansteckung zu verhindern, ergreift sie deshalb alle Maßnahmen, was sich aber im täglichen Leben als durchaus schwierig erweist: „An Desinfektionsmittel ranzukommen ist sehr schwer. Das finde ich sehr schade, weil es für mich und sämtliche Menschen mit Vorerkrankungen zum täglichen Bedarf gehört.“ Aus ihrer Krankheitszeit weiß die 32-Jährige genau, dass jedes Husten und Niesen von anderen Personen zur Lungenentzündung werden kann: „Zu dieser Zeit ist mir aufgefallen, wie wenig manche Menschen Rücksicht auf ihre Mitmenschen nehmen.“

Genau die gleiche Erfahrung macht zur Zeit auch die 51-jährige Melanie Winhausen. Bei der Kleverin wurde in den vergangenen Tagen erneut ein Krebsbefund diagnostiziert, nachdem sie bereits 2011 gegen die Krankheit kämpfte. Zur Operation muss die Mutter von zwei Kindern in der nächsten Woche nach Düsseldorf fahren. Vor der Zeit danach, wenn das Immunsystem bei ihr aufgrund einer erneuten Chemotherapie heruntergefahren wird, hat die Kleverin am meisten Angst: „Während der letzten Tage habe ich immer wieder im engeren Bekanntenkreis mitbekommen, wie Frauen sich noch zum Essen gehen und Party machen verabreden. Ein zaghafter Hinweis auf die Gefährdung anderer wurde nicht ernst genommen“, berichtet Winhausen traurig.

Sechsjähriges Mädchen gefährdet

Um ihre sechsjährige Tochter Matilda macht sich zur Zeit Sonja Goß aus Nieukerk große Sorgen. Matilda hat Infektasthma und allergisches Asthma und gehört damit auch zur Risikogruppe: „Es ist sehr schwierig sie zu schützen, aber wir bemühen uns, in dem ich mein Friseurgeschäft vorübergehend geschlossen habe“, erklärt Sonja Goß. Ihre Tochter lässt sie nur noch im hauseigenen Garten spielen, um jegliche Erkrankung auszuschließen: „Natürlich gestaltet es sich schwierig, da Matilda noch nicht so weitreichend kombinieren kann. Ich erkläre darum immer wieder, warum es so wichtig ist den Kontakt zur Außenwelt aufs Minimum zu reduzieren“, so die Nieukerkenerin.

Ebenfalls an Asthma erkrankt ist auch Rocio Thissen-Garcia. Die 17-jährige Geldernerin, die die Niederrhein Nachrichten austrägt, muss zur Zeit ihr Jahrespraktikum im Kindergarten pausieren. Ihre Mutter, Susana Thissen-Garcia, macht sich große Sorgen um ihre Tochter: „Sie darf sich nicht mehr mit Freunden treffen und ist überwiegend zu Hause“, berichtet Susana Thissen-Garcia. Die Gefahr einer Ansteckung sei einfach zu groß, weswegen momentan keine andere Möglichkeit gegeben sei.

Kleidung vorher ausziehen

Auch der Alltag von Katrin Bruns hat sich enorm verändert. Die 40-Jährige hat Multiple Sklerose und muss deshalb eine immunsuppressive Therapie machen. „Ich selbst soll mich die nächsten 14 Tage, oder besser drei Wochen ausschließlich zu Hause aufhalten und nur wenn es absolut nötig sein sollte, zum Einkaufen und zur Apotheke gehen. Mein Mann muss Arbeiten gehen, aber wenn er nach Hause kommt, muss er die Arbeitskleidung gesondert legen und umgehend duschen gehen, bevor wir uns begrüßen dürfen.“

Traurig stimmt es die 40-Jährige, dass viele Menschen, trotz dem Hinweis, dass man zu Hause bleiben soll, dem nicht nachkommen: „Es wäre schön, wenn wir alle enger zusammen rücken und die egoistische Gier nach sich selbst in diesen Zeiten an eine andere Stelle im Leben setzen würde.“

Solidarität mit der Risikogruppe

Die Geschichten dieser fünf Betroffenen stehen nur stellvertretend für zahlreiche weitere Menschen, die alle zur Risikogruppe gehören. Für all diese Menschen ist es enorm wichtig, dass sich auch Menschen, die nicht zur Risikogruppe gehören, an die Maßnahmen, die von den Städten, Gemeinden, dem Land und der Regierung ausgesprochen werden, halten. Auch wenn die Gefahr durch eine Erkrankung mit dem Virus für „gesunde Menschen“ weitaus weniger schlimm ist, können genau diese Menschen zu stillen Überträgern werden und dann wiederum andere Menschen damit anstecken.

Um all diese Menschen zu unterstützen, haben sie alle nur eine Bitte: „Menschen sollen einfach zu Hause bleiben, wenn sie nicht zum Job oder wichtigen Terminen müssen“, bringt es Melanie Krott aus Issum für alle Menschen aus der Risikogruppe auf den Punkt. Selten konnten Menschen so einfach andere Menschen unterstützen und dadurch dazubeitragen, ihre Leben zu retten und ihnen zu zeigen, dass sie in dieser schwierigen Zeit nicht allein sind.