Sozialpädagoge
Der Angeklagte am ersten Prozesstag vor dem Klever Landgericht. NN-Foto: sp

NIEDERRHEIN. Als er im vergangenen Sommer einen Tag eher von einer Ferienfreizeit nach Hause kommen musste, habe er „innerlich gewusst, dass jetzt alles rauskommt“. „Ich wusste, dass ich jetzt bei meiner Frau, meinen Eltern, Bekannten und Freunden in Erklärungsnot war“, führte der 50-jährige Kevelaerer weiter aus. Seit gestern muss sich der studierte Sozialpädagoge vor dem Klever Landgericht wegen sexuellen Missbrauchs eines Kindes in 52 Fällen in Tateinheit mit schwerem sexuellen Missbrauchs eines Kindes in elf Fällen, in weiterer Tateinheit mit sexuellen Übergriffs in fünf Fällen und versuchten sexuellen Übergriffs in weiteren fünf Fällen verantworten.

Darüber hinaus wird ihm der Besitz kinderpornographischer Schriften vorgeworfen. Im Wesentlichen gestand der 50-Jährige, der sich als Filmemacher sozialer Projekte in der Vergangenheit bundesweit einen Namen machte, die Vorwürfe. Ihre Anfänge haben diese im Jahr 1998. Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft soll es bis 2002 in den bewohnten Wohnungen des Beschuldigten in Kevelaer und während zweier Urlaube in den Niederlanden zu mindestens 42 sexuellen Handlungen des 50-Jährigen an seinen Mitte 1990 geborenen Neffen gekommen sein.

„Ich habe mich nicht mehr unter Kontrolle gehabt“

Der Angeklagte bestätigte gestern die Übergriffe. „Aus meiner Erinnerung heraus ist es zu insgesamt 20, 25 sexuellen Handlungen gekommen“, meinte der Kevelaerer. An einem Abend im Jahre 1998 habe alles angefangen. „Mein Neffe hat in unserer Wohnung auf dem Sofa geschlafen. Ich bin aufgewacht und habe ihn berührt“, sagte der 50-Jährige und erklärte weiter: „Ich habe mich nicht mehr unter Kontrolle gehabt.“ Das Verlangen nach sexuellem Kontakt zu Kindern sei „in dieser ersten Nacht entstanden“.
Der Grund dafür könne in seiner Kindheit liegen, verriet der 50-Jährige. Als er neun oder zehn Jahre alt war, habe er sexuellen Kontakt zu seinem Cousin gehabt. „Es könnte ein Baustein in meinem Kopf sein, der da gelegt wurde und den ich nicht mehr losgeworden bin. Ob das eine Erklärung ist, weiß ich nicht. Aber es könnte eine sein.“ Der sexuelle Kontakt habe aufgehört, als er zwölf oder 13 Jahre alt gewesen sei. Er habe jedoch nie den Mut gehabt, darüber zu sprechen. „Das alles tut mir unheimlich leid.“

Soziale Projekte und ehrenamtliche Jugendarbeit

Auch nach 1998 sei es immer wieder zu ähnlichen Berührungen zwischen ihm und seinem Neffen gekommen, wenn sein Neffe bei ihm und seiner Frau geschlafen habe. „Das war so vier, fünf, sechs Mal im Jahr“, meinte der Kevelaerer. Er habe seinen Neffen in diesen Nächten unsittlich berührt und sich auch mit Hilfe seiner Hand selbst befriedigt. Aus seiner Erinnerung heraus, hätten die Übergriffe aber bereits vor 2002 aufgehört. „Weil sich nicht mehr die Gelegenheit ergeben hat“, begründete der Angeklagte.

Sexuelle Handlungen an Kindern

Bis 2013 sei es zu keinen weiteren Fällen mehr gekommen. Dann sei es aber „wieder losgegangen“. Im Rahmen von sozialen Projekten und ehrenamtlicher Jugendarbeit soll der Kevelaerer laut Anklage bis Sommer 2019 in weiteren zehn Fällen sexuelle Handlungen an Kindern vorgenommen haben. Diese sollen sich bei Ferienfreizeiten und einer Klassenfahrt mit einer Grundschul-Klasse ereignet haben. Der erste Anklagevorwurf datiert aus dem Jahr 2013. „Es gab dann wieder eine Situation; eine sexuelle Spannung, die ausgelöst wurde“, meinte der 50-Jährige, dessen Stimme immer wieder stockte. In jener Nacht habe er seine Hand auf den Bauch eines Jungen gelegt. Dabei sei es dann auch geblieben.

„Es ist immer aus der Situation heraus passiert“

Bei den angeklagten weiteren Vorfällen bis Sommer 2019 gab der Angeklagte jedoch zu, dass es auch zu sexuellen Übergriffen gekommen sei. „Es ist immer aus der Situation heraus passiert“, sagte der Kevelaerer. Bei den Ferienfreizeiten habe er neben den Kindern in den Zelten geschlafen. „Es war so, dass die Kinder gefragt und den Platz ausgesucht haben“, berichtete der Kevelaerer. Nachts, wenn die Kinder geschlafen hätten, sei es dann zu weiteren Vorfällen gekommen, in denen er Kinder unsittlich berührt und sich auch selbst befriedigt habe. Dabei habe er Kinder ausgewählt, die ihm durchaus nahe standen. Aus seiner Erinnerung heraus sei jedoch kein Kind wach gewesen oder wach geworden.

Er habe gewusst, dass er nun in Erklärungsnot sei

Im Sommer 2019 bemerkte jedoch laut den Vorwürfen gegen den Angeklagten bei einer Ferienfreizeit ein Junge, dass es neben ihm feucht geworden sei. Daraufhin sei die Polizei eingeschaltet worden. „Mit der Polizei, den Eltern und den Leitern der Gruppe wurde dann vereinbart, dass es besser ist, wenn ich bereits an diesem letzten Abend der Ferienfreizeit nach Hause fahre“, sagte der Angeklagte. Zu Hause habe es dann Gespräche mit seiner Familie gegeben. Er habe gewusst, dass er nun in Erklärungsnot sei.
Seine Frau sei zu ihrem Bruder und dessen Frau gefahren. Bei diesem Treffen habe sich der Neffe seinen Eltern erstmalig anvertraut. „Meine Frau ist dann mit ihm zu uns gefahren. Er hat mich gebeten, zu erzählen, was passiert ist. Außerdem hat er mir eine Frist gesetzt, bis wann ich mich bei der Polizei melden soll“, sagte der 50-Jährige. Daraufhin habe er eine Selbstanzeige getätigt. Den Besitz kinderpornographischen Materials stritt er gestern allerdings ab. Seit dem 25. Juli 2019 sitzt er in Untersuchungshaft.

Der Prozess wird am kommenden Dienstag fortgesetzt.