Hospiz
Birgit Brünken leitet das Hospiz in Wetten. NN-Foto: HF

NIEDERRHEIN. Gottlieb war ein Weihnachtsfreak. „Schon als der bei uns ankam, hat er gefragt, ob wir hier eine Weihnachtsfeier machen“, erinnert sich Birgit Brünken. Gottlieb wollte alles ganz genau wissen. Als er Gast in Wetten wurde, wusste Gottlieb nicht, dass er Weihnachten nicht mehr erleben würde…

Weihnachten im Hospiz

Seit 22 Jahren gibt es das Hospiz in Wetten. „Zweimal haben wir in dieser Zeit Weihnachten vorgezogen“, sagt Birgit Brünken. Sie leitet das Hospiz, in dem sich derzeit 26 Ehren- und 17 Hauptamtliche um die Gäste kümmern.

Weihnachten im September

Gottliebs ganz persönliche Weihnachtsfeier hat am 30. September stattgefunden. Geschlossene Gesellschaft. Heiligabend im Spätsommer. Der Nikolaus war da – Gottliebs Bruder hatte eine Weihnachtstorte mitgebracht. Als sie Gottlieb in den Aufenthaltsraum brachten, ahnte er noch nicht, was ihn erwartet, „aber er war absolut überwältigt“, erinnert sich Birgit Brünken.
„Mittlerweile wusste Gottlieb allerdings, dass er Weihnachten nicht mehr erleben würde“, sagt Brünken und fügt hinzu: „Er hatte mich auch gefragt, ob er seinen Geburtstag Ende November noch erleben wird. Wahrscheinlich nicht, habe ich gesagt.“
Heiligabend ist auch im Hospiz besonders. „Wir richten dann ein Buffet aus, zu dem alle Angehörigen etwas mitbringen. Alle unsere Gäste nehmen teil. Manche bringen wir dann mitsamt Bett in den Raum, wo wir zusammen essen.  Alles ist festlich geschmückt. Meist sind gegen 17 Uhr alle da. Gegen 18 Uhr beginnt das Essen.“ Geschenke werden nicht verteilt. „Wir haben das anfangs mal gemacht“, erinnert sich Brünken. Aber: Was schenkt man Sterbenden? Das Gefühl der Zusammengehörigkeit ist das größte Geschenk. Das Gefühl, nicht allein zu sein. Geborgenheit.

Weihnachtsgeschichten

Birgit Brünken kann viele Geschichten erzählen. „Vor ein paar Jahren standen mal morgens kurz vor Weihnachten zwei weiße Engelsfiguren vor dem Eingang. Ich weiß bis heute nicht, wer uns die geschenkt hat.“
Dann muss sie schlucken. Da ist die Geschichte von dem kleinen Mädchen, „das Heiligabend mit seinem Vater zu uns kam. Sie hat mir einen Umschlag gegeben. Darin war Geld: 7.50 Euro. Die hatte sie mit Autowaschen verdient.“ „Das möchte ich euch schenken“, sagte das Mädchen. Das ganz Große liegt so oft im vermeintlich Kleinen.

Gefühlsverstärker

Irgendwie ist Weihnachten ein Gefühlsverstärker und irgendwie, denkt man, muss gerade dieses Fest in einem Hospiz traurig sein. Weihnachten im Hospiz – die Höchststrafe? Überhaupt nicht. Wenn Birgit Brünken von den Heiligabenden im Hospiz erzählt, scheint Hoffnung in den Raum zu schweben. Es geht darum, den Gästen die Zeit so gut wie möglich zu gestalten – an jedem Tag im Jahr. Trotzdem ticken die Uhren anders am Heiligen Abend.

Glühwein zum Schnuppern

Zu Gottliebs Weihnachtsfeier wurde Glühwein gekocht. „Den haben wir allerdings nicht getrunken – er hat nur für den weihnachtlichen Duft gesorgt.“ Als dann der Nikolaus kam, hat Gottlieb – so wünscht man es sich beim Zuhören – vielleicht einen Moment lang die Reise vergessen, die ihm bevorstand. Birgit Brünken zeigt Fotos von der Feier. Gottlieb sieht zufrieden aus – in sich ruhend. Irgendwie glücklich.

Erinnerungen

Im Foyer des Hauses: ein Tannenbaum. Keine Kerzen, kein Lametta – nur gelbe Papiersterne hängen an den Zweigen. Auf den Sternen: Namen. „Wir bitten unsere Besucher, damit an Menschen zu erinnern, die gestorben sind – nicht nur bei uns im Haus. Zu Weihnachten hängt dann der Baum meist mit Zetteln voll.“ Einen Tannenbaum als Erinnerung an die Abgereisten und daran, dass das Leben an sich ein Geschenk ist.

Abgereist

Gottlieb hat Weihnachten erlebt – am 30. September. Wen interessiert das Datum? Es geht um die Botschaft. Bis zu seinem Geburtstag hat er es nicht mehr geschafft. Er ist vorher abgereist.  Drei Schritte bis zum Weltraum. Wenn es ein Jenseits gibt, hat Gottlieb die Erinnerungen mitgenommen.
Birgit Brünken hat heuer Heiligabend keinen Dienst. „Ich werde garantiert trotzdem kurz ins Hospiz gehen. Ich wohne schließlich um die Ecke.“