MATERBORN. Auf den ersten Blick scheint alles wie immer: Fußballbegeisterte Kinder toben gemeinsam mit dem Ball, schießen aufs Tor und haben dabei einfach Spaß. Doch die Geschichte hinter diesem Team, das auf dem Sportplatz in Materborn trainiert, ist eine Besondere. Denn in der neuformierten Jugend-Mannschaft des SV Siegfried Materborn trainieren Kinder mit und ohne Behinderung zusammen. Inklusion lautet dafür der Fachbegriff.

In der Altersklasse zwischen drei und zehn Jahren ist dieses Projekt im Klever Fußball bislang einmalig. Dass es aber dringend erforderlich ist, zeigt die große Resonanz und die Freude der Eltern und Kinder, die sich der Mannschaft angeschlossen haben. Einige dieser Sprösslinge – die aus Kleve, Kranenburg, Bedburg-Hau und Goch stammen – konnten sich vorher aufgrund ihrer Behinderung keinem Fußball-Verein anschließen. „Das geht natürlich nicht. Kinder wollen sich doch bewegen, egal welchen Hintergrund sie haben. Dafür wollen wir die Plattform bieten“, sagt SV-Jugendleiter Markus Maas.

Als vor einem halben Jahr die Anfrage von Sebastian Eul, Leiter der integrativen Kindertagesstätte „Regenbogen“ in Kleve, kam, war der Verein sofort offen für Neues. „Materborn steht für eine gute Jugendarbeit und für gewisse Grundwerte“, lobt Eul, der selbst erfolgreich als Fußballspieler in den hiesigen höheren Amateurligen aktiv war.

In der Vergangenheit seien immer wieder Eltern zu ihm gekommen, um ihm zu berichten, dass sie keinen Platz für ihr Kind in einem Fußball-Verein finden. Daraufhin beschloss er, selbst die Initiative zu ergreifen. „Es würde mir das Herz brechen, wenn ich einen Sohn hätte, der, nur weil er Trisomie 21 hat, keinen Verein finden würde“, begründet der 34-jährige Familienvater sein Engagement.

Selbstverständnis: Inklusion

Von der Problematik in diesem Bereich wusste Siegfried anfangs nichts. „Uns war vor einem halben Jahr noch überhaupt nicht klar, dass es so eine Mannschaft, in der Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam spielen können, gar nicht gibt“, sagt Maas. Mittlerweile trainieren schon seit einigen Wochen bis zu 30 Kinder auf dem Materborner Kunstrasenplatz und haben keine Berührungsängste miteinander. Sie gehen umsichtig miteinander um und auch die sonstigen Lausbuben nehmen – wie im Training deutlich wird – Rücksicht auf das Können der Kinder, die eine Beeinträchtigung haben. „Je früher man Kindern Inklusion als Selbstverständlichkeit beibringt, desto einfacher ist der Umgang für sie damit“, sagt Eul.

Wie erfolgreich das Projekt verlaufe, hänge aber auch mit der Offenheit der anderen Vereine zusammen. „Damit sich die Kinder weiterentwickeln können, müssen sie irgendwann auch auf andere Mannschaft treffen, etwa bei einem Bambini-Turnier. Da hoffen wir auf Toleranz für unser Modell“, sagt Eul, der neben der Inklusions-Mannschaft zurzeit auch den Bezirksligisten SC 26 Bocholt trainiert.

„Bei uns gibt es keinen Leistungsdruck“

Anders als im Westmünsterland, wo er gegen den Abstieg spielt, geht es ihm in Materborn aber nicht um den sportlichen Erfolg. „Bei uns gibt es keinen Leistungsdruck. Wer Spaß hat, hat gewonnen. Bei uns gilt einfach: Jeder darf sich wie der Beste fühlen.“ Zudem werde der Teamgeist gestärkt. „Die Kinder wissen, dass sie nur weiterkommen, wenn sie zusammenspielen und an einem Strang ziehen. Einzelkämpfer schaffen es im Fußball nicht weit“, sagt Maas.

Dabei sei es nicht ausgeschlossen, dass das Inklusions-Projekt weiter ausgebaut wird. „Sollte die Resonanz so positiv bleiben, könnten weitere Inklusions-Mannschaften – auch in höheren Altersklassen – folgen“, sagt Maas.