Clemens Reinders: Erzählungen gegen das Verschwinden

Clemens Reinders hat keinen Terminkalender – schon gar keinen „elektrischen“. Merken hilft. Zettel helfen auch. Das Handy benutzt er als Wecker. „Eigentlich kann ich mir das nicht leisten“, sagt er, „aber ich mach‘s trotzdem.“

Zweitleben

Reinders ist im wirklichen Leben Lehrer: Gesamtschule Oberhausen. Kunst und Sozialwissenschaft. Von seinem Zweitleben wissen die Oberhausener nichts. Die Schüler nicht – die Kollegen auch nicht. Reinders ist kein Hausierer. Reinders schreibt. Er ist kein Romancier, kein Belletristiker. Er ist Geschichtsschreiber. Was er über Geschichte zu sagen hat, ist allerdings nicht Nostalgieliteratur der Marke „Tante Gertrud erzählt“.

Bücher schreiben

Vor 20 Jahren erschien sein Buch „Der Mann, der Manhattan kaufte“, vor zwölf Jahren folgten „Bilder und Geschichten vom Niederrhein“. Reinders ist ein Sammler. An die 100 Interviews mit Zeitzeugen hat er geführt und jedes davon verschriftlicht – in zwei Versionen. Die eine Version ist das Ursprüngliche: jeder Atmer, jedes Seufzen – alles ist verzeichnet; natürlich auch die sprachlichen Eigenarten. „Die Menschen sollten ja ihre eigene Sprache sprechen und nicht meine“, sagt er. Version zwei: Die heruntergebrochene Fassung.

Bewahren

Reinders ist einer, der Augenblicke bewahren möchte. Ein Fotograf mit Worten. Fotografieren tut er auch – genauer gesagt: Er hat es studiert. Film und Fotografie an der Kunstakademie in Münster.
„Vielleicht hat das was mit meiner Art zu arbeiten zu tun“, sagt er. Er war als „Freier“ für den WDR unterwegs – hat Filme gemacht. Das Revier: Dormagen bis Kranenburg. „Das war in den 90-er Jahren.“ Dann kam die Schule. Aber einer wie Reinders legt ja nicht das alte Leben zu den Akten. Sammler sind immer Sammler.

Reinders ist Reinders

Er hat die Zeit des 3. Reiches in Zeitzeugenberichten erzählt, er hat mit Kindersoldaten aus jenem 3. Reich gesprochen.
Ein bisschen hat man einen wie Kempowski im Kopf. Aber: Vergleiche verhindern. Sie verhindern das Vordringen zum Eigentlichen, weil sie eine Wand aufbauen. Also: Reinders ist Reinders ist Reinders.

Das dritte Buch

Jetzt ist (s)ein neues Buch erschienen. „Niederrheiner erzählen – 1900 bis 1960“ heißt es und ist im Wartberg Verlag erschienen. Wer das Buch in die Hand nimmt, fühlt sich an ein Schul-Lesebuch aus den 60-ern erinnert. Ein Layout als Programm. 20 Geschichten werden erzählt. Eigentlich müsste es heißen: 20 Mal wird Geschichte erzählt. Es beginnt 1906 in Krefeld (Wie der Kaiser den Krefeldern ihre Tanzhusaren brachte) und endet (1956-1968) eben dort: Der Wilde Jazz-Geist in Krefeld.

Keine nostalgische Visite

Zwischendurch werden Geschichten aus Rees, Haldern, Emmerich, Wesel, Mönchengladbach erzählt. Wer die Titel im Inhaltsverzeichnis studiert, merkt schnell, dass es (siehe oben) nicht um die nostalgische Visite im Gestern geht.

Erzählt wird unter anderem die Geschichte des letzten Landrates des Kreises Rees, der zusammen mit Freunden die Donau im Faltboot „bepaddelte“. „Berlin, 31. März 1925. Nächste Woche will Wilhelm Breuer die Hauptstadt verlassen, er will zurückfahren in seine Heimatstadt Wesel. Des Zeugnis, das er gerade ausgehändigt bekommen hat, ist recht anständig ausgefallen.“ So beginnt die Geschichte einer von Bildern eskortierten Paddeltour.

Der Mann aus Rheydt

Reinders erzählt auch die Geschichte eines Mannes aus Rheydt. Nein, es ist nicht die Geschichte des Doktors mit dem Hinkefuß – es ist die Geschichte von Hugo Junkers, einem Pionier der Luftfahrt. Reinders erzählt die Geschichte vom Unteroffizier Köster, der 1942 den Glauben an den Sieg verlor.

Ein jüdisches Schicksal

Er erzählt von den van der Grintens und dem Mann mit Hut und Weste – und er erzählt „Ein jüdisches Schicksal“. „Wir werden am 10. Dezember 1941 in Rees am Kirchplatz 12 abgeholt. Ab 8 Uhr sollen wir uns bereithalten.“ So beginnt eine Geschichte. Es ist die Geschichte von Helmut Sander, in der es später heißt: „Wir werden nach Lauenburg ins Krankenhaus gebraucht. Mein Gewicht bei der Befreiung war 36 kg.“ Tante Getrud geht anders.
Man ist versucht, dankbar zu sein, dass Menschen wie Reinders Dinge vor dem Verschwinden bewahren – dass sie Geschichten und Geschichte vor dem Austrocknen retten.

Lesung in Rees

Wer Reinders live erleben möchte, hat am kommenden Mittwoch, 27. November, um 15 Uhr die Gelegenheit. Dann stellt der Autor in der Reeser Stadtbücherei sein neues Buch vor. „Clemens Reinders wird nicht nur aus seinem Buch lesen, sondern anhand von Fotos und Filmausschnitten zusätzliche Infos zu den Geschichten bieten“, sagt Büchereichef Thomas Dierkes.

Der Autor: Clemens Reinders, 1962 in Rees-Haldern geboren, studierte in Münster an der Kunstakademie Film und Fotografie sowie Sozialwissenschaften an der Westfälischen Wilhelems-Universität. Er sammelt seit mehr als 20 Jahren Geschichten aus seiner niederrheinischen Heimat.
Das Buch: „Niederrheiner erzählen – 1900 bis 1960“. Wartberg Verlag, ISBN 978-3-8313-3251-9. Preis: 15 Euro.

Ein Stück Vergangenheit: Die Reeser Sackträger.