Aus einem Einzelschicksal wird eine Netzwerkaufgabe

Querschnittsgelähmter Kevin Nisius ist bei der Esco auf der Karriereleiter

BÜDERICH. „Ich bin ja nicht auf den Kopf gefallen, ich habe mir nur den Hals gebrochen“ – diese Aussage des querschnittsgelähmten Kevin Nisius bringt es auf den Punkt, wie der 28-Jährige nach seinem tragischen Unfall mit seinem Schicksal umgeht.

Kevin Nisius (im Rollstuhl) konnte auf viele Unterstützer bei seiner Technikerausbildung setzen: Lebensgefährtin Stefanie Busch (vorne). (hinten v.l.): Holger Lemken, Berufskolleg Moers, Johannes Roelofsen und Rouven Rieger von der Initiative Integratives Leben, Anja Niebauer, LVR Inklusion, Tim Stahl, Michael Friedhoff, Hans-Gerd van Bentum und Dirk Heinrich von Esco.
NN-Foto: Lorelies Christian

Dabei war auch für ihn die Welt bis Juni 2013 noch völlig in Ordnung, er hatte beim Salzwerk Esco in Borth seine Lehre als Elektriker absolviert und einen befristeten Arbeitsvertrag erhalten. Bei einem Ausflug mit seiner Fußballmannschaft endete ein Sprung ins Wasser mit Genickbruch. „Seither habe ich keine Fingerfunktion mehr, keine Bauchmuskulatur und lebe mit allen Folgen der Querschnittslähmung“, berichtet Kevin Nisius. Trotz aller gesundheitlichen Einschränkungen hielt sein Arbeitgeber zu ihm. Für Dirk Heinrich, Leiter der Produktion und Technik, eine Selbstverständlichkeit: „Wir sehen uns in der sozialen Verpflichtung – das stand nie zur Debatte. Doch wir wollten ihn nicht nur weiter beschäftigen, sondern ihm auch einen beruflichen Lebensinhalt geben, von dem natürlich auch das Unternehmen Nutzen zieht. Wir haben zunächst einen Arbeitsplatz geschaffen, von dem aus er für die Arbeitsvorbereitung tätig werden konnten. Aber allen war klar, da geht noch mehr. Wir schlugen ihm vor, sich zum Techniker weiterzubilden. Das hat er nun mit Bravour geschafft, er ist ein absolut vollwertiger Mitarbeiter, dessen Karriereleiter noch nicht zu Ende ist. Wir möchten ihn zum Energiemanager weiterbilden.“

„Gemeinsam schaffen wir das“

Tenor des Pressegesprächs

 

Kevin hat die Chance genutzt, die ihm die Esco geboten hat und alles dafür gegeben, die zweijährige Ausbildungszeit gut zu absolvieren. „Arzttermine und Physiotherapie wurden hinten angestellt“, blickt der junge Mann zurück. Und doch aus eigener Kraft hätte er es nicht schaffen können. Er ist unglaublich dankbar, dass sein Arbeitgeber alle Hebel in Bewegung setzte, ein Unterstützungs-Netzwerk aufzubauen. Hans-Gerd van Bentum ist bei der Esco für betriebliches Gesundheits- und Eingliederungsmanagement zuständig. Auch für ihn war die Situation neu. Zum Glück fand er in Holger Lemken vom Berufskolleg Moers einen offenen Gesprächspartner. „Unser Gebäude ist barrierefrei, das war schon mal die Grundvorraussetzung und ich war überzeugt, wir schaffen das“, begründet Lemken die Bereitschaft, Kevin aufzunehmen. Auch der nächste Schritt ließ sich dank der Initiative Integratives Leben Sonsbeck umsetzen: Eine Krankenschwester wurde als Integrationshelferin für den achtstündigen Schulalltag zur Verfügung gestellt. Die Finanzierung übernahm das Inklusionsamt beim Landschaftsverband Rheinland.
Das Netzwerk war geschaffen, doch wie sah die Praxis für Kevin aus? „Trotz aller moderner Technik brauchte ich im Unterricht meine Integrationshelferin, die alles für mich mitschrieb. Doch erklären Sie mal einer Krankenschwester, wie sie eine technische Formel aufschreibt“, lacht er, wenn er an die Anfänge denkt. Doch gemeinsam fanden Lehrer, Mitschüler, Integrationshelferin und Kevin Methoden, den Lehrstoff zu vermitteln, so dass Kevin nun seinen „Techniker in der Tasche hat“.
Und das ist auch die Botschaft des Pressegesprächs, zu dem die Esco eingeladen hatte: Es gibt eine Menge Ansprechpartner, die in solchen Fällen unterstützen können. Auch andere Betriebe sollen ermutigt werden, Netzwerke zu nutzen, Fördermöglichkeiten abzufragen und behinderte Menschen zu qualifizieren.