Wenn die Luft wegbleibt:
Selbsthilfe bei Schlafapnoe

Reinhard Hartmann über die Selbsthilfegruppe bei Schlafapnoe in Rees: „Eine Gemeinschaft, zu der alle gerne kommen“

KREIS KLEVE. Reinhard und Ursula Hartmann sind inzwischen seit 47 Jahren verheiratet. Und seit 16 Jahren sind sie nicht mehr allein – weder im Schlafzimmer noch im Urlaub. Immer dabei: das APAP- oder CPAP-Gerät von Reinhard Hartmann, das er aufgrund seiner Schlafapnoe benötigt. Das Wissen um das Beschwerdebild der Atemaussetzer im Schlaf, den Einsatz technischer Hilfsmittel und den Umgang mit Schlafapnoe gibt der 69-jährige Emmericher in der Selbsthilfegruppe bei Schlafapnoe in Rees weiter.

Jürgen Hartmann zeigt, zusammen mit „Paul“ und „Paula“, die Funktionsweise eines CPAP-Gerätes.
NN-Foto: MB

Bereits als Kind hatte Hartmann Atemaussetzer im Schlaf. „Meine Eltern haben mich geweckt, weil ich atmen musste“, erzählt er. Doch dauerte noch einige Jahre, ehe er sich ernsthaft mit diesen Beschwerde auseinandersetzte. „Richtig aufmerksam geworden bin ich erst während einer Kegeltour, als ein Kumpel mich darauf hingewiesen hat, dass ich im Schlaf aufhöre zu atmen.“ Seiner Frau war es da schon längst aufgefallen. „Ich habe mitbekommen, wenn er tief Luft geholt und dann den Atem angehalten hat. Ich habe mir natürlich Sorgen gemacht, da ich auch einen leichten Schlaf habe. Ich habe ihn auch darauf aufmerksam gemacht.“ Doch anfangs nahm sich ihr Mann die Worte seiner Frau nicht zu Herzen. „Vielleicht war damals die Zeit noch nicht reif“, sagt die 67-Jährige.

Vor 16 Jahren ließ sich der gelernter KfZ-Schlosser, der die letzten 30 Jahre beim Zoll beschäftigt war, im Schlaflabor untersuchen. Die Diagnose: obstruktive Schlafapnoe. Dabei erschlafft während des Schlafes die Muskulatur des Körpers, auch die Schlundmuskulatur und der weiche Gaumen. Der Zungengrund fällt nach hinten und verschließt so die oberen Atemwegen. Es kommt zu Atemaussetzern, die unter Umständen bis anderthalb Minuten dauern können.

Zwei Formen der Schlafapnoe

Neben der obstruktiven Schlafapnoe gibt es auch die zentrale Schlafapnoe: Dabei sendet das Gehirn dem Körper keine Signale zum Einatmen. „Diese Form ist schlimmer, aber glücklicherweise auch seltener“, weiß Reinhard Hartmann und erläutert: „Jeder Mensch hat Atemaussetzer, allerdings sind Länge und Häufigkeit maßgeblich.“ Auch haben viele Menschen, die schnarchen, Atemaussetzer. Diese sind selbst in der Seitenlage möglich. „Überwiegend sind Männer betroffen“, sagt Hartmann und ergänzt: „Es fängt auch an, wenn man älter wird und die Muskeln erschlaffen. Übergewicht kann ebenfalls dazu beitragen.“

Die Risiken, die mit einer Schlafapnoe einhergehen, sind vielfältig: Herz-Rhythmus-Störungen, Herzinfarkt, Schlaganfall, Bluthochdruck, Tagesmüdigkeit, Potenzstörungen. „Eine Folge kann auch der Sekundenschlaf sein, da man nachts nicht in die Tiefschlafphase kommt“, warnt Hartmann.

Der erste Weg im Fall von Schlafapnoe führt laut Hartmann zum Lungenfacharzt oder zum HNO-Arzt; dieser gibt ein Screening-Gerät mit und wertet anschließend auch die Ergebnisse aus. Dann bekommt man gegebenenfalls einen Termin im Schlaflabor. Dort verbringt man zunächst eine Nacht, bevor über ein APAP- oder CPAP-Gerät entschieden wird. Dann bleibt man noch eine weitere Nacht im Schlaflabor. „Wenn das Gerät passt, kann man wieder nach Hause“, sagt Hartmann. Die Krankenkasse stellt ein Gerät kostenlos zur Verfügung, mit Schlauch und Maske. „Ein besseres Gerät, das beispielsweise leiser und vielleicht auch angenehmer zu tragen ist, muss man selbst bezahlen“, sagt Hartmann. „Unter Umständen kauft man sich nur eine andere Maske, die besser passt.“

CPAP-Gerät „die sinnvollste Möglichkeit“

Nach der Diagnose vor 16 Jahren hat er selbst sich ein CPAP-Gerät zugelegt. Es gibt eine Variante mit Maske für Mund und Nase sowie eine nur für die Nase. Dieses Gerät bläst Luft in den Rachenraum, dadurch kann der Zungengrund nicht mehr herunterfallen. Man kann weiteratmen und schnarcht auch nicht mehr. „Aus meiner Sicht ist es derzeit die sinnvollste Möglichkeit“, sagt Hartmann. „Das Tragen der Maske mag lästig sein, aber es geht. Ich selbst hatte nie Probleme. Es ist allerdings eine Umstellung.“ So bekomme beispielsweise der Bettpartner Luft ins Gesicht geblasen. Seine Frau Ursula erzählt lachend: „Ich sage immer: Ich habe einen Sturm im Bett.“

Inzwischen beeinflussen Atem­aussetzer kaum noch das Leben von Reinhard Hartmann. – „dank des Gerätes, das ich regelmäßig nutze“. Auch seine Frau Ursula sagt: „Heute mache ich mir keine Sorgen mehr, da er die Maske praktisch jede Nacht trägt, und wir nehmen es auch mit in den Urlaub.“

Inzwischen gibt Hartmann sein Wissen rund um Schlafapnoe im Rahmen der Selbsthilfegruppe in Rees weiter. Grgründet wurde sie am 19. März 2015, Initiatoren waren neben Reinhard Hartmann noch Willy Schlaghecken, Robert Dunkerbeck und Anne Schwinning. „Viele Leute, die Schlafapnoe haben, kommen mit der Maske nicht zurecht. Ihnen wollen wir durch einen Erfahrungs- und Meinungsaustausch helfen“, erläutert Hartmann. Einmal im Jahr kommt ein Facharzt zu einem Vortrag zu den Treffen, dazu auch Anbieter von Masken. „In der Gruppe haben wir die Zeit, die bei Arztbesuchen häufig fehlt“, weiß Hartmann.

30 Mitglieder in der Selbsthilfegruppe

Derzeit hat die SHG 30 Mitglieder, etwa 15 kommen regelmäßig zu den Treffen, die jeden dritten Donnerstag im Monat stattfinden. „Wir sprechen auch über ganz andere Themen, veranstalten zudem Ausflüge und Führungen, ein Sommerfest sowie eine Jahresabschlussfeier“, zählt Hartmann auf und versichert: „Wir gestalten die Gruppen­abende sehr locker.“ Zweimal im Jahr präsentiert sich die SHG beim Reeser Stadtfest. Ursula Hartmann hat festgestellt: „Es ist interessant zu sehen, wie viele Menschen sich dort informieren und Input holen.“

Kontakt
Ansprechpartner der Selbsthilfegruppe bei Schlafapnoe (Atemaussetzer) in Rees und Umgebung sind: Norbert Frericksen, Telefon 02851/587087, Reinhard Hartmann, Telefon 02822/45553, Willy Schlaghecken, Telefon 02851/6962, Heinz Lamers, Telefon 02851/6236.
Bei Interesse oder Fragen zum Thema Selbsthilfe kann man sich an das Selbsthilfe-Büro des Paritätischen wenden, Telefon 02821/780012, und E-Mail an selbsthilfe-kleve@paritaet-nrw.org.

Die Selbsthilfegruppe beschreiben Reinhard und Ursula Hartmann als „eine Gemeinschaft, zu der alle gerne kommen. Jeder ist mit Freude dabei.“ Mitglieder zahlen einen Monatsbeitrag von zwei Euro, bei den Treffen sind aber auch Partner und Interessierte willkommen. Drei- bis viermal im Jahr wird das „Schlaf-Magazin“, zugeschickt. Abschließend sagt Reinhard Hartmann: „Die meisten Mitglieder sind 50 Jahre und älter, unser ältestes Mitglied ist Mitte 80. Wir werden schon alt mit der Krankheit – aber so soll es ja auch sein.“