Wasserstandsmeldungen

Das 20. Gelderner Turmstipendium biegt auf die Zielgerade; ab Sonntag sind die Ergebnisse der Arbeitsphase im Gelderner Wasserturm zu sehen. Es stellen aus: Nell Berger, Patrick Fauck, Sabine Schellhorn.
Unterschiedlicher können Kunstentwürfe nicht sein – aber eben das macht die Spannung der Ausstellung aus. Immer im Zentrum: der Ort. Aber schon die Begriffsklärung im Falle von „Ort“ ist nicht eben einfach. Was ist gemeint? Der Turm? Die Stadt? Man kannsoll das nicht trennen – das ist die Besonderheit des Turmstipendiums.

Aufforderung zur Kommunikation?

Grenzerlebungen

Es geht nicht um Grenzfindung – es geht um Grenzerweichung. Nell Berger bespielt die beiden Hochetagen des Turmes. Was sie zeigt, zielt irgendwie auf das Zentrum: Kunst, die in den Kopf geht, aber dort nicht bleiben soll. Es kommt auf die Mischung an. Das Denken greift ins Leben, das Leben ins Denken ein. Kunst, das glaubt man in Bergers Arbeiten zu spüren, ist Denksichtbarmachung. Ganz oben unterm Dach: Stühle, die im Raum stehen. Schnell wird klar, dass die Stühle nicht zu denken, begreifen sind, wenn man sie nicht in Szenen einbaut. Zwei Stühle, deren Rückenlehnen gegeneinandergestellt sind, erzeugen Bilder. Die auf den Stühlen sitzen, könnten Einsame sein, wenn sie nicht lernen, Kontakt aufzunehmen. Auf dem Boden: Eine Eisenbahn. Ein Kreis in einem runden Raum. Erinnerungen und Erwartungen überlagern sich. Man muss diesem Raum standhalten können. Berger entwirft Situationen, die Ansprüche stellen. Wer sich nicht bewegt – im wörtlichen und im übertragenen Sinne, bleibt zurück und endet tonlos.

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Ausschnitt aus Sabine Schellhorns Installation „Durst“.

Wasser

Sabine Schellhorns monumentale Arbeit „Durst“ verfolgt einen anderen Ansatz. Auch hier: eine Dokumentation, ein Protokoll, eine Wasserstandsmeldung. Schellhorn hat ein besonderes Tagebuch geführt: es ist ein Trinktagebuch.
Für jeden Tag des Stipendiums hat sie Buch geführt über die Menge an Flüssigkeit, die sie getrunken hat. Man kann die Tagebucheinträge sehen, aber man kann – verteilt auf 480 Gläser – auch die Flüssigkeit sehen. Ein Tagebuch des Lebens als Tagebuch des Überlebens. Die gläsernen Behältnisse sind im Raum verteilt – ein Kreis aus Glas in der Mitte, und ein Ring aus Gläsern an den Wänden: Planet und Satellit, Zentralgestirn und Umlaufbahnen.
An den Wänden: Papierabformungen von Gullideckeln. Wasser hier, Erinnerung an Abwasser dort. Die Installation im weißen Raum lässt Platz für Gedanken, ist Mahnmal und Denkmal und saugt ihre Kraft aus der Idee, nicht alles Wasser in einen großen Tank zu schütten, sondern zu zeigen, dass sich alles teilt, aufteilt, zuteilt. Und dann Patrick Fauck: Hochdrucke, Tiefdrucke, Additionen, Subtraktionen. Fauck sagte zu Anfang des Stipendiums: „Ich bin froh, dass ich jetzt Zeit habe, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren. Faucks Bezüge zu Turm und Stadt spiegeln sich in Fundstücken, die er in die Druckvorlagen eingespeist hat, aber auch in der in 20 Exemplaren erscheinenden Radierung zum Stipendiumsjubiläum. Da prangt er – der Turm: thront in der Bildmitte und ist doch klein geblieben im Vergleich mit der Umgebung. Ändert ein runder Arbeitsplatz das Denken? Patrick Fauck: „Das ist eine spannende Frage, die ich nicht unmittelbar beantworten kann.“

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Gedankenimplantate

Festzustehen scheint: Dieser Kunstort am Gelderner Bahnhof greift ins Denken ein. Selbst wenn man mit fertigen Ideen ankäme – der Ort würde eingreifen. Eben hier liegt das Spannende. Die Gläser in Sabine Schellhorns Installation „Durst“: angeliefert von Gelderner Bürgern. Ändert das etwas?
Würde es sich anders anfühlen, wenn Schellhorn mit 480 Gläsern angereist wäre, um sie dann zu füllen? Versuchsanordnungen. Was, wenn das Wasser in den Gläsern aus einem Gebiet stammte, wo täglich Menschen verdursten, weil sie sich das Wasser nicht mehr leisten können, weil es chemieverseucht daherkommt? Gedankenimplantate – immerhin installationsgestützt.
In der Turmwirklichkeit hat Schellhorn Wasser aus Geldern verwendet und auch die Gläser sind von dort. Trotzdem ist „Durst“ eine unausgesprochene Aufforderung zum Mitdenken. Nicht anders ist es bei Nell Berger. Wer sich im Turmparterre auf den Weg in die Geschosse macht, sieht eine beschriebene Stoffbahn: „Ich möchte neben dir sitzen“, steht da – und wenn man oben angekommen ist im Kabinett der Einsamkeiten, läuft es einem kalt das Gehirn herunter.

Infos zu Patrick Fauck

Alles anders denken

Auf dem Rückweg ist irgendwie alles anders. Alles ist verwandelt. Alles muss anders gedacht werden: Hochdruck, Tiefdruck, Kommunikation, Einsamkeiten. Auf den Treppenstufen zu Nell Bergers Etagen zwei Schilder: „Privat“ steht auf dem einen, „Willkommen“ auf dem anderen. Erkenntnisse hat nur, wer Grenzen überschreitet. Wasserstandsmeldungen eigener Befindlichkeit treten in Aktion.
Die 20 nummerierten Exemplare von Patrick Faucks Jubiläumsradierung sind zum Preis von 50 Euro (pro Exemplar) zu haben und es braucht wenig Prophetie um zu ahnen, dass sie alle ihren Abnehmer finden werden.
Eröffnet wird die Ausstellung zum 25. Turmstipendium im Gelderner Wasserturm am Sonntag um 12 Uhr. Zur Eröffnung spricht die Vorsitzende des Gelderner Kunstvereins, Inge Rous. Am Samstagabend, wenn es dämmert, sollten Gelderner den Blick zum Turm ausrichten, denn es gibt etwas zu sehen: Licht und Farben.

Infos zum KUHnst Turm Niederrhein e.v.

Patrick Faucks Radierung zum Jubiläum des Turmstipendiums.