Haldern Pop: Der Mais steht schwarz und schweiget

HALDERN. Das ist neu. Kaum ist man nach anstrengenden drei Festivaltagen zuhause angekommen – die Klangfahnen noch im Kopf –, da beginnt der Vorverkauf fürs nächste Haldern Pop. Früher musste man bis Ende Oktober warten und sich nächtens vor den Rechner hocken, um garantiert die Eintrittskarte für eine Musikmesse der besonderen Art zu ergattern. Es darf noch mal erwähnt werden: Auch im letzten Jahr, als man sich Ende Oktober auf die Jagd nach einer Karte machte, war nicht zu ahnen, wen man in diesem Jahr würde hören können.

Gemütlich wird es hier abends. NN-Foto: Heiner Frost

Jetzt ist das Leerlauf-Intervall zwischen Festival-Ende und Vorverkaufsstart quasi auf einen Tag eingedampft. (Karten ohne Warten.) Noch ziehen die Bilder (und natürlich vor allem die Töne) des Haldern Pop 2019 durch Herz und Hirn, da darf die Vorfreude beginnen. Was soll man sagen?
Man muss dem Anstreicher nicht die Farbe erklären. Haldern-Pop-Fans wissen, was sie an „ihrem Festival“ haben. Hier wird nicht Mainstream gefordert – das hier ist eine der Produktionsstätten für das überraschend Wunderbare. Natürlich „geht nicht jeder durch die Decke“, der in Haldern gespielt hat, aber einen Riecher hat das Festival oft genug bewiesen. Haldern ist das Große im Kleinen. Oder ist es umgekehrt? Es kommt, wie immer, auf den Standpunkt an. Es kommt darauf an, was man groß nennen möchte und was klein. Klar: Niemand schafft es, in drei Tagen mehr als 80 Konzerte anzuhören, aber das ist auch nicht Ziel der Übung. Es geht darum, das vielleicht Bekannte dem garantiert Unerhörten gegenüberzustellen.

Trümmer und Wundsalbe

Dass auf der Hauptbühne Kadavar ebenso gefeiert wird wie beispielsweise Durand Jones & and the Indications (entgegengesetzter können Musikentwürfe kaum sein), ist ein riesengroßes Plus. Es spricht für die Unvoreingenommenheit der Veranstalter und die Bereitschaft der Hörer. Wenn Kadavar die Welt in Trümmer legt, Charlie Cunningham trägt die Wundsalbe auf. Es ist wie im Kino – schon Hitchcock wusste das: Wenn die Spannung ins scheinbar Unerträgliche ragt, braucht es anschließend einen kleinen Gag. Der Ausgleich schafft Gelassenheit.

Beethoven? Bach?

Auch draußen kann man die Musik genießen. NN-Foto: Sarah Dickel

Nein – nicht jeder mag alles hören, was da an Tönen von der Bühne fällt, aber es ist – so platt das klingen mag – für alle etwas drin im Festivaltopf. Und dass auf einem Festival, dessen Vorname „Pop“ lautet, Schütz zu Ohren kommt oder Bach, Beethoven, Schostakowitsch, das ist die ganz besondere Haldern-Note. Da werden Barrieren eingerissen, die (man merkt das schnell) eigentlich nur im Hirn existieren, weil sie (wer weiß warum?) dort hingepflanzt wurden. Dass nachmittags um drei sich 600 Menschen in einer Kirche ebensolches anhören, ist mindestens schräg zu nennen. Wunderbar schräg. Und immer wieder trifft man auf Novizen, denen der Mund sperrangelweit offen steht angehörs der Halderner Melange. Man muss nichts einordnen. Man muss nur hinhören.

Das hält den ganzen Tag

In der Eisdiele sitzt nach einem der Kirchen-Konzerte eine Ureinwohnerin. Sie hat Cantus Domus, einen Chor aus Berlin, gehört. Spräche sie Englisch, würde sie sagen: „It made my day.“ So sagt sie: „Das war‘s. Das hält den ganzen Tag.“ Die Musik kehrt an ihren Ursprung zurück. Nein, nicht Haldern ist der Ursprung – es ist das Staunen, das Sichmitnehmenlassen. Ein Maximum an Vergnügen wächst nicht aus dem Anhören des Längstbekannten, es wächst immer auch aus der Überraschung. Eben dafür hat das Haldern-Pop anscheinend eine Garantie. Da steckt der Markenkern, der es ermöglicht, Menschen lange im Voraus ein Ereignis zu verkaufen, von dem sie nichts wissen können, aber viel ahnen. Haldern ist eine Art Versprechen, zu dem mehr gehört als Klangfahnen. Es ist eine Atmosphäre und – da ist es wieder – eine Haltung, eine Stellungnahme, ein Angebot.

Haldern – New York

Eröffnete in der Dorfkirche das Festival: Dirigent und Komponist Heiner Frost mit seinem Ensemble „Opus m“.NN-Foto: Rüdiger Dehnen

Alex zum Beispiel – Dr. Alexander Schlutz, Associate Professor am John Jay College of Criminal Justice in New York. In den 80-ern war Schlutz zuletzt beim Haldern Pop. „Damals hieß es, wenn ich mich richtig erinnere noch ‚Haldern Open Air‘ “, sagt Schlutz. Er wurde in Haldern geboren und lebt seit 1997 in den Vereinigten Staaten. Was denkt einer, der nach all den Jahren dem Festival wiederbegegnet? „Es ist vor allem die Gleichzeitigkeit von Vertrautheit und totalem Erstaunen. Damals, als ich zuletzt beim Festival war, gab es, wenn ich mich richtig erinnere, eine Bühne und einen Bierstand. Damals spielten ‚Grobschnitt‘ und ‚Fischer Z‘. Das Erstaunliche ist, dass sich so viel geändert hat und trotzdem alles noch irgendwie ist wie früher. Wenn ich an amerikanische Sommerfestivals denke, dann ist das Erste, was mir einfällt: Commerz. Es geht um Geld – nicht notwendigerweise um die Besucher. In Haldern scheint all das keine Rolle zu spielen. Es geht um das Erleben.“ Das Festival als soziale Plastik? Vielleicht. „Was mich beim Haldern Pop Festival beeindruckt, ist die unglaubliche Vielfalt des musikalischen Angebotes. Es ist die Art und Weise, wie das Festival ins Dorf integriert ist. Ich bin kein Typ, der auf riesige Festivals gehen möchte. Haldern lässt Luft zum Atmen. Mein Eindruck war auch, dass das Festival nicht nur den Besuchern Spaß macht, sondern auch denen, die dort spielen. Und für mich ist der Gedanke an das Festival auch mit einer gehörigen Portion Lokalpatriotismus verbunden. Mit anderen Worten: Ich bin stolz darauf, dass es das hier gibt. Meine Frau sagte, sie hat noch nie an einem Wochenende so viel gute Musik gehört.“

Wenn Eichen grooven

Tja – und dann waren da noch die Eichen: „Beim Konzert von Khurangbin auf der Hauptbühne stand ich so, dass ich nicht nur die Bühne sondern auch die Bäume an der Seite sehen konnte. Es ging ein leichter Wind und ich hatte den Eindruck, die Eichen schwangen im Takt der Musik mit. Das hat mich sehr berührt.“
Für Alex steht fest: „Wenn es sich irgendwie machen lässt, bin ich im kommenden Jahr wieder dabei.“ Gut, dass er sich um die Unterbringung keine Sorgen machen muss. Der Vorverkauf für die Tickets von Haldern Pop #37 hat begonnen. Es gibt drei Kategorien von Karten. Die ersten beiden sind bereits ausverkauft. Ach ja – die Unterbringung: Wer das Haldern Pop 2020 nicht vom Campingplatz aus erleben möchte und stattdessen nach einem Hotel sucht, der dürfte Probleme haben. Das Hotel Doppeladler ist zu den Haldern Pop der kommenden vier Jahre ausgebucht und mit den anderen Unterkünften dürfte es ähnlich sein.
Apropos Camping. Alex meint: „In den Anfangszeiten des Festivals wurde natürlich auch gecampt, aber das waren dann eher Leute aus Meerhoog, die keine Lust hatten, abends noch mit dem Rad nach Hause zu fahren.“ Das hat sich geändert. Gewaltig.

Was bleibt

Die Haldener heißen die Festivalgäste willkommen. NN-Foto: Sarah Dickel

Gibt es Auftritte, die im Gedächtnis bleiben werden? „Mich hat vor allem das Konzert von Brad Barr im Tonstudio total begeistert. Ich werde auf jeden Fall in New York Ausschau halten, ob er dort spielt und eine CD werde ich mir auf jeden Fall anschaffen. Auch das Konzert von Syml war überragend. Überhaupt: Die Konzerte in der Kirche sind etwas sehr Besonderes. Das Gefühl, in einer restlos vollen Kirche tolle Musik zu erleben, ist unglaublich beeindruckend.“ „We‘re already channged by the songs that we heard“, singt Brad Barr: Was wir hören, verändert uns.“ Jeremy Dutcher zum Beispiel: „In meinen Literaturseminaren kümmere ich mich immer wieder auch um die indianische Kultur. Und dann gehe ich hier zu einem Pop-Festival und höre in der Kirche einen, der das musikalisch zum Thema macht.“ Was wir hören, verändert uns.

Letzte Meldung

Wenn über die Aushängeschilder des Kreises geredet wird, sollte – so viel steht fest – Haldern vorn mitmischen. Maik Springer, einer der Leute aus dem Team rund um die Pop Bar, postet am 11. August um 23.31 auf Facebook: „Ihr seid nicht nur das beste, sondern auch das sauberste Publikum. Vielen Dank dafür. Wir sehen uns nächstes Jahr.“ Auf dem Foto daneben: Der Zeltplatz – rückstandsfrei. Was wir hören,  verändert uns. Abreise Samstagnacht: Fahrt durch die Felder. Mond am Himmel. Der Mais steht schwarz und schweiget. Es gibt nur eines: wiederkommen.
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