Kotlett, Kunst Keramik

Werner Steinecke einen Sammler zu nennen, wäre vielleicht einen Tick zu kurz gegriffen. Steinecke ist auch Regisseur und kennt sich aus mit der Selbstinszenierung. Unbequem ist er auch gerne mal. Meinung gehört nicht hinter einen Berg. Bekenntnisse gibt es auch: „Ich bin sehr für Klatsch.“ Na bitte, dann kann ja nichts mehr schief gehen.

Kleine Geschichten
Derzeit ist im Museum Kurhaus Kleve ein Teil seiner Keramik-Sammlung („Es dürften so an die 50 Prozent sein“) zu sehen. Titel der Ausstellung: „Als der Kaffeetisch zur Galerie wurde – Keramik um 1930“.
Das klingt vergleichsweise unspektakulär, ist aber alles andere als das. Steinecke ist einer, der stundenlang reden kann über die Exponate, die Geschichte, die Geschichten, die Künstler. Es entsteht ein Gesamtkunstwerk aus Kotlett und Keramik. Kotlett? Wenn man Steinecke nicht bremst, kann er einem mirnichtsdirnichts das berüchtigte Kotlett an die Backe quatschen. Steineckes Kotletts sind Sternekotletts. „Am spannendsten finde ich die kleinen Geschichten, die du nebenbei erfährst. Der Führer zum Beispiel aß jahrelang eine vegetarische Paste aus einer Deckeldose aus Keramik, die von einer jüdischen Künstlerin entworfen wurde. Wahrscheinlich hat er‘s nicht gewusst.“ Die Nebengeschichte wird mit einem vielsagenden Lächeln garniert.

Einschub über den Diebstahl
„Nirgends ist so viel abgekupfert worden wie bei den Keramikern. Teils werden noch heute Plagiatsprozesse geführt.“
Man denkt an Egon Friedells Kulturgeschichte der Neuzeit:

„Was nun die Frages des Plagiates angeht, so ist das Geschrei über geistige Entwendungen eines der überflüssigsten Geschäfte von der Welt. Jedes Plagiat richtet sich nämlich von selbst. Auf ihm ruht der Fluch, der jedes gestohlene Gut zu einem freudlosen Besitz macht. […] Die ganze Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte von Diebstählen. Und wenn einmal eine Stagnation eintritt, so liegt der Grund immer darin, dass zu wenig gestohlen wird.“

Die Ausstellung – so viel sei vorweggenommen – ist eine großartige Variation der Annäherung an die Wunschheirat von Zweckerfüllung und unverstellter Schönheit.

Der Sammler inszeniert sich. Foto: Rüdiger Dehnen
Blindenlehrer
Zurück zum Sammler: Nicht alle dürften wissen, dass Steinecke eine Ausbildung zum Blindenlehrer gemacht und auch als solcher gearbeitet hat. Man nennt dergleichen Ironie des Schicksals: Ein Blindenlehrer als Kunstsammler. Andererseits: Vielleicht muss einer, der Blinden die Welt erklärt hat, einfach genauer hinsehen.
Also bitte – wie erklärt Steinecke einem Blinden die Ausstellung? „Natürlich würde ich den Leuten erst mal Dinge in die Hand geben: Kannen, Tassen, Dosen. Sowas eben. Bei einer Kanne würde ich sagen: Ich geb‘ dir den Henkel in die Hand und jetzt grabbel mal mit der Hand an der Tülle entlang. Such‘ nach Unterschieden. Das lässt sich alles ganz genau erfühlen: Wie sind die Hälse gebaut? Du wirst merken, dass kein Hals und kein Henkel dem anderen entspricht.“
Schnell wird klar: Begreifen hat natürlich vor allem mit Greifen zu tun. Man kann mit den Händen greifen, aber eben auch mit den Augen.

Schwung im Hals
Steinecke frisst sich bei den Henkeln fest: „Es gibt Henkel, die ganz geometrisch sind, es gibt solche, die vollkommen einem Halbkreis entsprechen und es gibt Henkel, die sind ausgefüllt – die sind so etwas wie ein Viertel Camembert. Die nennt man Viertelscheibenhenkel. Dann würde ich Deckeldosen auf den Tisch stellen und sagen: Taste mal, wie der Deckel da drauf sitzt. Da kommt man dann bei diesen Stücken an den Punkt, an dem klar wird, das hier sind keine barocken Schnörkelopern.“ Es geht um das Einfache. Und dann die Hälse: mit Schwung die einen – eher still die anderen.
Man öffnet die Augen und merkt längst, wie die Stücke Geschichten erzählen – wie sie Problemlösungen darstellen und unterschiedliche Herangehensweisen bei der Verbindung von Zweckmäßigkeit und Schönheit. Aber eines bleibt außen vor: Die Farben. Steinecke: „Natürlich spielt die farbliche Gestaltung der Exponate eine wesentliche Rolle und wenn wir uns wieder einen geburtsblinden Menschen vorstellen, dann wird das Erklären der farblichen Gestaltung extrem schwer und theoretisch. Vielleicht würde ich es mit Temperaturen versuchen. Ein Zitronengelb hat natürlich eine andere Temperatur als ein tiefdunkles Blau.“

Glanzparade
Dann schreitet Steinecke die Vitrinen und Tische ab. Längst sieht man die Ausstellung mit anderen Augen: Henkel strecken sich entgegen und zeigen unterschiedlichste Formen und Farben. Was anfangs eine Ansammlung von Kannen, Tellern und Dosen war, ist jetzt eine Glanzparade von Formen und Farben und man beginnt zu begreifen, wie sich das eine auf das andere auswirken muss – wie das eine nicht sein kann ohne das andere. Und dazu: Steineckes Geschichten über die Schöpfer von Formen und Farben.

Herrlichkeiten
Plötzlich kann man sich kaum satt sehen an den keramischen Herrlichkeiten und auch, wenn einem nicht alles gefällt, hat sich eine andere Sichtweise eingestellt: eine, die Form und Farbe trennt und dann wieder zusammenfügt. Plötzlich – nein: eher Stück für Stück, Exponat für Exponat wird auch der Titel der Ausstellung greifbar: Der Kaffeetisch wird zur Galerie.
Für einen wie Steinecke geht es bei einer Ausstellung wie dieser auch darum, Grenzen einzureißen. „Ich finde es blödsinnig, dass noch immer ein Graben zwischen der Kunst einerseits und dem Kunsthandwerk andererseits gezogen wird. Ich kann dann nur fragen: Auf welcher Seite des Grabens befindet wir uns denn? Was ist das hier?“

Wunschdenken
„Ich fände es schön, wenn die Leute sich die Ausstellung ansehen und dann auf dem Rückweg durchs Museum die Kunst mit anderen Antennen aufnehmen würden.“ Da ist was dran: Bei den Keramiken ist die Hemmschwelle zu Aussagen wie „Das könnte mein dreijähriger Enkel auch“ wesentlich höher, denn man spürt die unzertrennliche Verbindung von Zweck und Ästethik.

Shit happens
Sind bei einem wie Steinecke Ausstellungsstücke auch in Gebrauch? „Ja natürlich benütze ich die Sachen auch. Und mir fällt dann auch schon mal was runter und ist kaputt. Shit happens.“ Damit das in der Ausstellung nicht geschieht, stehen die einzelnen Stücke entweder in Vitrinen oder aber auf Tischen, die hinter einer Glastür in einem Separee stehen. Merke: Man muss es ja nicht drauf anlegen.
Steinecke jedenfalls macht, was ohnehin schon eine optische Augenweide darstellt, durch seine Geschichten die Ausstellung zum unvergesslichen Gesamtkunstwerk, denn man spürt schnell etwas von dieser Einheit zwischen Sammler und Sammlung. Konzipiert hat er die Ausstellung zusammen mit Kurhauskuratorin Valentina Vlasic, „und das muss ich einfach mal loswerden: Ohne Valentina wäre das alles nicht so gut geworden wie man es jetzt hier sieht. Als Sammler brauchst du manchmal auch jemanden, der von außen auf die Dinge schaut und sie in Ordnung bringt.“

Foto: Rüdiger Dehnen

Steinecke in Bewegung: