Über die Preise freuen sich: (v.r.n.l.) Jan Schönherr (Förderpreis) und Olga Radetzkaja. Überreicht wurden die Preise von Dagmar Fretter, Fachbereichsleiterin Literatur der Kunststiftung NRW. NN-Foto: Theo Leie

STRAELEN. Zum wiederholten Male wurde am vergangenen Mittwoch der Straelener Übersetzerpreis der Kunststiftung NRW in Kooperation mit dem Europäischen Übersetzer-Kollegium in Straelen an die Übersetzer Olga Radetzkaja und Jan Schönherr vergeben.

Zu Beginn der Veranstaltung konnte das Publikum einen Einblick in den Roman „Sentimentale Reise“ von Viktor Schklowskij, für dessen Übersetzung Olga Radetzkaja ausgezeichnet wurde, bekommen. Nachdem Tatiana Baskakova erst ein Stück aus dem russischen Original vorgelesen hatte, stellte sich Radetzkaja vor das Publikum. Mit sehr angenehmer Stimme las die Übersetzerin mehrere Abschnitte aus dem Werk vor und schaffte es, dem Publikum einen authentischen Eindruck in die Zeit des russischen Bürgerkriegs zu geben: „In der Hauptsache aber hatte man Angst“, endete Radetzkaja und hinterließ damit den Wunsch, noch mehr über den Roman zu erfahren.

Claus Sprick, Präsident des Europäischen Übersetzer-Kollegiums begrüßte daraufhin die Besucher. Sprick warb nicht nur für den Beruf des Übersetzers, sondern, auf amüsante Weise, für ein revolutionäres Produkt, das sowohl kompakt und tragbar als auch optisch phänomenal sei: das Buch. Dieses außergewöhnliche Produkt bestehe aus Hunderten von Doppel-Displays und müsse zudem nicht wieder aufgeladen werden. Beide Romane, die von den ausgezeichneten Übersetzern ins Deutsche übertragen wurden, seien zudem jetzt ab sofort in dem Format „Buch“ erhältlich, so Sprick mit einem Augenzwinkern.

Lob von den Juroren Christiane Körner und Ulrich Blumenbach

Jurorin Christiane Körner lobte die „schwindelerregende Fahrt in katastrophalen Zeiten“, auf die Radetzkaja ihre Leser mitnimmt. Es sei besonders herausragend mit der spröden Sprache Schklowskijs umzugehen, was Radetzkaja bestens gelungen sei: „Außerdem ist die punktgenaue Ironie von Olga grandios“, so Körner. Ulrich Blumenbach, ebenfalls Juror, lobte Jan Schönherr für die Übersetzung des Romans „Neu-York“ von Francis Spufford: „Sowohl Spufford als auch Jan streuen wunderbar Anachronismen ein. Jan hat uns einen sinnlichen Farbrausch beschert, denn die Übersetzung ist ebenso sprudelnd und unterhaltsam, wie das Original.“

Im Anschluss hielt Autorin und Literaturkritikerin Sieglinde Geisel die Laudatio auf Radetzkaja und Schönherr: „Beide Texte stellen höchste Ansprüche an das übersetzerische Können“, so Geisel und fügte an „das Wichtigste beim Übersetzen sei die gedankliche Klarheit, sagt Olga Radetzkaja, und diese Klarheit prägt denn auch den Stil ihrer Übersetzungen: In ihrer Sprache fühle ich mich immer gut aufgehoben.“ Geisel bewunderte Radetzkajas Nachwort, in dem sie dem Leser Hilfestellungen für den Roman gibt und ihn „auf das Prinzip der Lakonie, auf die schroffen Abbrüche, an denen man beim Lesen so leicht scheitert, vorbereitet.“ Radetzkaja sorge dafür, dass der Schmerz der ausgesprochen unsentimentalen „Sentimentalen Reise“zum Schmerz des Lesers werde.

Der Job des Übersetzers

Die Laudatorin lobte zudem Schönherr dafür, dass „er Spuffords Sätzen nicht nur einen unwiderstehlichen Rhythmus verleiht, sondern er es überdies meisterhaft versteht, durch den Satzbau das Tempo zu verändern“, so Geisel.

Die anschließende Preisübergabe übernahm Dagmar Fretter, Fachbereichsleiterin Literatur der Kunststiftung NRW, die beide Übersetzer dafür lobte, dass sie die vergangenen Welten in das Leben der Leser holen. Radetzkaja berichtete in ihrer Dankesrede von ihrem ersten Versuch, den Roman „Sentimentale Reise“ mit 19 zu lesen. Damals verstand sie ihn nicht. Aber gerade dieses Nichtverstehen machte den Reiz aus, sich an diese Neuübersetzung zu wagen. Da der Roman laut Radetzkaja zur Hälfte vom Unverstandenen handele, sei dies eine gute Voraussetzung gewesen. Schönherr erklärte in seiner Danksagung, dass der Beruf des Übersetzers durchaus schön, aber auch verunsichernd sei, weswegen dieser Preis eine Bestätigung sei: „Dieser Preis hilft, uns scheue Chamäleons sichtbar zu machen“, so Schönherr. Untermalt wurde die Verleihung durch Klavierbeiträge von Gleb Koroleff.

Übersetzerpreis
Der Straelener Übersetzerpreis der Kunststiftung NRW in Kooperation mit dem Europäischen Übersetzer-Kollegium Straelen ist mit 25.000 Euro dotiert. Olga Radetzkaja erhielt den Preis für ihre Übersetzung aus dem Russischen von Viktor Schklowskijs Roman „Sentimentale Reise. Der mit 5.000 Euro dotierte Förderpreis ging an Jan Schönherr für den aus dem Englischen übersetzten Roman „Neu-York“ von Francis Spufford.