„Ich spüre überhaupt keinen Druck, nur Vorfreude“

Martina Voss-Tecklenburg gibt ihr Turnier-Debüt als Trainerin der Frauenfußball-Nationalmannschaft

NIEDERRHEIN. Die Frauenfußball-Weltmeisterschaft startet am kommenden Freitag in Frankreich. Bevor die deutsche Nationalmannschaft am kommenden Samstag um 15 Uhr gegen China ins Turnier startet, hat die in Straelen lebende Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg mit NN-Redakteurin Sabrina Peters über ihre neue Aufgabe, ihre recht junge Mannschaft und die WM-Favoriten gesprochen.

Martina Voss-Tecklenburg coacht das deutsche Frauen-Nationalteam. Foto: Behrendt und Rausch

16 Jahre lang waren Sie selbst als Spielerin Teil der Nationalelf. Haben Sie damals schon daran gedacht, einmal die deutsche Nationalelf als Bundestrainerin bei einer WM zu coachen?

Martina Voss-Tecklenburg: Nee, überhaupt nicht. Zu der Zeit, als ich Spielerin war, konnte ich mir gar nicht vorstellen, dass es hauptamtliche Trainerinnen im Frauenfußball gibt. Das war damals schon eine besondere Situation. Wir haben als Pionierinnen darauf hingearbeitet, aber das Bild als hauptamtliche Trainerinnen gab es gar nicht. Wir waren alle reine Amateure, haben nebenbei gearbeitet und hatten nicht den Status Profi-Fußball.

Sie haben zuletzt sehr erfolgreich sieben Jahre lang die Frauenfußball-Nationalmannschaft der Schweiz trainiert und diese erstmalig 2015 zur Frauen-WM und 2017 zur Frauen-EM geführt. Was bewog Sie zu dem Wechsel?

Voss-Tecklenburg: Ich war in den letzten sieben Jahren schon sehr verbunden mit der Schweiz. Ich habe da sehr intensiv gearbeitet und auch die Nachwuchs-Academy fünf Jahre lang geleitet. Als der Anruf aus Deutschland kam, wusste sowohl der DFB als auch der Schweizer Fußball-Verband, dass ich noch einen Vertrag bis Sommer 2019 habe. Ich habe die Schweizer sofort informiert, dass es die Anfrage aus Deutschland gibt. Die Überlegungen für mich waren natürlich schon so: Ich kann nach Hause kommen, ich kann wieder in Straelen leben und ich kann für mein Heimatland arbeiten. Das ist noch mal das Tüpfelchen auf dem I und ein viel größerer Schritt, als es vorher der Fall war. Der Schweizer Fußball-Verband ist mir dann sehr entgegen gekommen und hat gesagt: Ja Martina, wir verstehen das.

„Wir konnten auf
der Arbeit von Horst
Hrubesch aufbauen“

Sie haben erst im November offiziell die Tätigkeit als Bundestrainerin übernommen. Reichte die Zeit, um die Spielerinnen kennenzulernen und sich auf das Turnier vorzubereiten?

Voss-Tecklenburg: Die Zeit muss reichen. Die Situation ist so wie sie ist und wir wussten vorher, dass es sehr eng wird. Aber wir haben bisher das Beste draus gemacht. Wir sind im Januar ins Trainingslager nach Marbella gegangen. Die Spielerinnen habe ich da versucht sehr intensiv kennenzulernen – sowohl auf als auch neben dem Platz. Außerdem haben wir drei Länderspiele in Frankreich, in Schweden und gegen Japan mit sehr unterschiedlichen Ausrichtungen und Strategien absolviert. Ende Mai haben wir dann noch gegen Chile gespielt. Das muss einfach reichen für die WM. Wir konnten ohnehin viel auf dem aufbauen, was schon Horst Hrubesch (bis November 2018 Interimstrainer der deutschen Frauen-Nationalmannschaft, Anm. d. Red.) mit der Mannschaft gemacht hat, aber wir haben als Trainer-Team natürlich auch unsere eigenen Ideen eingebracht. Die Spielerinnen ziehen da überragend mit. Von daher bin ich recht positiv gestimmt, dass die Zeit nicht die große Rolle spielen wird. Das hängt von anderen Faktoren ab, ob wir gut oder schlecht spielen.

Welche wären das?

Voss-Tecklenburg: Wir haben eine sehr junge Mannschaft mit 15 Spielerinnen, die das erste Mal bei einer Frauen-WM dabei sind. Das ist bei insgesamt 23 eine ganze Menge und schon eine Herausforderung. Es wird spannend sein zu sehen, ob die Spielerinnen es schaffen, ihre Nervosität abzulegen, dem Druck standzuhalten und mit viel Freude und Selbstvertrauen auf den Platz zu gehen. Es ist auch unsere Aufgabe, daran als gesamtes Team zu arbeiten. Wenn wir das schaffen und alle gesund bleiben, dann werden wir auch eine gute Leistung auf den Platz bekommen.

Der WM-Titel fehlt ja noch in Ihrer Sammlung. Wie ist Ihr Gefühl? Könnte das 2019 klappen?

Voss-Tecklenburg: Das kann ich echt noch gar nicht sagen. Die WM wird sportlich so eng sein, wie noch nie zuvor. Es können meiner Meinung nach acht Nationen vom Potenzial her mindestens um diesen Titel mitspielen. Das sind natürlich Frankreich als Gastgeber, England, Spanien, USA, Australien, Japan, die zwei Mal im Finale waren, die skandinavischen Teams wie Schweden und Norwegen sowie die Niederlande als Europameister. Deutschland ist aber irgendwo auch immer Favorit und wird von anderen Nationen als dieser gesehen. Wir sind allerdings im Umbruch. Da muss letzten Endes einiges passen. Aber unser Minimal-Ziel ist es, uns für die olympischen Spiele zu qualifizieren. Das heißt, wir müssen bei der WM mindestens unter die drei besten europäischen Teams kommen.

„Ich bekomme viel
Unterstützung vom Verband“

Bei der Frauen-EM 2017 in den Niederlanden schied Deutschland bereits im Viertelfinale aus, so früh wie seit 30 Jahren nicht mehr. Der Neu-Anfang unter Steffi Jones scheiterte. Spüren Sie nun einen besonders hohen Druck?

Voss-Tecklenburg: Nein, ich spüre überhaupt keinen Druck. Ich spüre viel Vorfreude, eine WM spielen zu dürfen. Das ist ein Privileg. Zudem bekomme ich unheimlich viel Unterstützung von dem gesamten Verband. Wir sprechen nicht tagtäglich im DFB darüber, dass wir den WM-Titel unbedingt gewinnen müssen. Wir wissen, dass wir in einer Phase sind, in der wir einen Prozess einleiten. Der ist auf drei oder vier Jahre angelegt. Das Ergebnis im Fußball entspricht außerdem nicht immer der gezeigten Leistung. Von daher wird es am Ende darauf ankommen, wie wir leistungsmäßig bei dieser WM spielen – ob wir unser Potenzial ausschöpfen sowie gut und selbstsicher auftreten. Am Ende müssen wir sachlich analysieren und den Prozess über mehrere Jahre betrachten. Das ist allen bewusst. Wir wollen diese WM mit viel Freude, Positivität und Energie angehen.

Im Mai gaben Sie den Kader der WM bekannt. Worauf haben Sie bei der Zusammenstellung geachtet?

Voss-Tecklenburg: Natürlich erstmal auf den aktuellen Leistungsstand, aber auch auf Positionsflexibilität. Wir haben viele Spielerinnen, die unterschiedlich eingesetzt werden können. Wir haben Spielerinnen, die gewisse physische Eigenschaften mitbringen, die man gegen unterschiedliche Gegner auch braucht, zum Beispiel schnelle Dribbler. Wir haben auch ganz viele Typen mit Positivität. Denn wir wissen, dass wir auch Spielerinnen brauchen, die positiv bleiben, selbst wenn sie wenig Spielzeit haben. Zudem haben wir darauf geschaut, wer etwa in der Innenverteidigung gegen Gegner mit unterschiedlichen taktischen Ausrichtungen gut zusammenspielen kann.

„Wir wollen Spielerinnen
für die Zukunft ausbilden“

Sie setzen im Turnier auch auf Lena Oberdorf (17), Klara Bühl (18) und Giulia Gwinn (19). Warum haben Sie sich für diese drei jungen Spielerinnen entschieden?

Voss-Tecklenburg: Weil die drei eine tolle Saison in der Liga gespielt haben. Sie haben gute Leistungen im Nationalteam gezeigt. Wir sind der Überzeugung, dass sie die Leistungsfähigkeit haben, eine WM zu spielen. Zudem wollen wir diese Spielerinnen für die Zukunft ausbilden und dafür brauchen sie diese Erfahrung. Sie müssen ein Turnier erleben – unabhängig davon, wie viel Spielzeit sie bekommen. Es ist für sie ein wichtiger Lernprozess, um positiv und mit den nächsten Erfahrungen in die Zukunft zu gehen. Wenn wir unsere jungen Spielerinnen nicht fordern und fördern, können wir keinen Prozess einleiten.

Mit Simone Laudehr haben Sie eine erfahrene Spielerin nicht berücksichtigt. Was führte zu dieser Entscheidung?

Voss-Tecklenburg: Simone war zwei Jahre verletzt und war bei uns nur im Februar vier Tage dabei. Danach hat sie wieder Probleme mit dem Knie gehabt. Bei ihr war es klar, dass es für sie sehr schwer werden wird, in den WM-Kader zu kommen. Wir waren da auch immer offen in der Kommunikation. Zuletzt konnte sie auch in ihrem Team nicht dabei sein. Für sie war und ist es aber wichtig, überhaupt wieder Fußball spielen zu können. Das war nach all diesen Verletzungen nicht selbstverständlich. Dass sie sich wieder herangearbeitet hat, spricht für ihren Charakter und ihre Leidenschaft. Sie ist ein Leader. Sie fehlt uns als Persönlichkeit sicherlich, aber am Ende war für uns die fußballerische Leistung auch vom Tempo her nicht ganz so, dass es für die besten 23 Spielerinnen ausreicht.

Ihre Mannschaftsführerin Alexandra Popp haben sie vor neun Jahren als Trainerin beim FCR Duisburg entdeckt. Heute gehört die 28-Jährige mit 95 Länderspielen zu den Erfahrensten im Team. Ist sie Ihre wichtigste Ansprechpartnerin?

Voss-Tecklenburg: Sie ist eine von den Wichtigen. Wir haben nämlich nicht nur eine einzige wichtige Ansprechpartnerin, sondern wir versuchen grundsätzlich zu den unterschiedlichen Themen die unterschiedlichen Charaktere der Spielerinnen zu berücksichtigen. Aber natürlich ist „Poppi“ zusammen mit Svenja Huth erst mal eine, bei der ich nachfrage, was sie für ein Gefühl hat. Ich gebe ihnen auch das Vertrauen, selbst zu entscheiden, was sie noch mit dem Team besprechen müssen. Aber da sind Alexandra und ich natürlich ziemlich verbunden miteinander, weil wir uns schon sehr lange Zeit kennen und auch nie aus den Augen verloren haben. Deshalb freue ich mich darauf, dass „Poppi“ eine Führungsperson dieser Mannschaft sein wird. Aber da gehören noch ganz viele dazu, wie Svenja Huth, Dzsenifer Marozsán, Melanie Leupolz, Almuth Schult und Sara Däbritz.

„China, Spanien und Südafrika sind herausfordernd und stark“

In der WM-Gruppenphase trifft Deutschland auf China, Spanien und Südafrika. Wie schätzen Sie die Gruppe ein?

Voss-Tecklenburg: Die drei Teams sind herausfordernd und stark. Die Gruppe ist zudem spannend, weil es drei ganz unterschiedliche Gegner sind. Spanien ist sehr spielstark und sehr ballsicher mit viel Ballbesitz. China ist sehr diszipliniert, mit einer guten Mentalität. Bei ihnen kann man zwar im ersten Spiel nicht unbedingt einschätzen, was genau auf uns zukommt. Aber China ist eine Mannschaft, die vorne Qualitäten hat. Sie haben einige international herausragende Spielerinnen. Südafrika als WM-Neuling wird mit ganz viel Euphorie kommen. Diese Mannschaft hat in der Offensive zwei sehr, sehr schnelle Spielerinnen und spielt sehr Zweikampfhart, was typisch für afrikanische Mannschaften ist. Es wird spannend für uns sein, wie wir uns mit unserem Fußball, den wir zeigen wollen, nämlich mehrheitlich das Spiel zu bestimmen, gegen die drei unterschiedlichen Gegner durchsetzen können.

Sie haben sich als langfristiges Ziel gesetzt, den deutschen Frauenfußball wieder an die Weltspitze zu führen. Wie wollen sie das erreichen?

Voss-Tecklenburg: Erstmal müssen wir eine klare Spielidee haben und wissen, wo wir hinwollen und wie wir in den nächsten drei, vier Jahren Fußball interpretieren möchten. Das wollen wir dann nach unten runterbrechen, um eine klare Philosophie in den U-Teams zu besitzen. Wir möchten eine Sprache sprechen, damit die Spielerinnen, die dann ins Frauen-Nationalteam kommen, entsprechend vorbereitet sind. Und dann wollen wir den Spielerinnen ganz viel Vertrauen und Support entgegenbringen und individuell schauen, wie wir sie in den unterschiedlichen Vereinen unterstützen können, auch wenn sie ins Ausland gehen. Die Situation mit den Clubs wollen wir dabei noch stärker herausarbeiten. Ich glaube, wenn wir viel miteinander sprechen und klare Ideen haben, wie wir spielen wollen, bekommen wir auch diesen Schritt in den nächsten drei, vier Jahren hin. Denn es gibt viele gute Spielerinnen in Deutschland. Es braucht vielleicht für die ein oder andere Erfahrung oder Hindernisse, die sie überwinden muss, aber ich bin mir sehr sicher, dass wir eine gute Chance haben, uns dauerhaft wieder dorthin zu bewegen, wo wir aktuell aber auch gar nicht so weit weg sind. Wir sind ja momentan Platz zwei in der Weltrangliste. Es gab zuletzt eine kleine Krise, aber wir haben auch viele gute Ergebnisse erzielt und sind auf einem guten Weg. Man muss aber auch klar festhalten, dass die Weltspitze sehr viel größer geworden ist. Es sind nicht mehr drei, vier oder fünf Nationen, sondern es sind zehn bis zwölf Nationen, die sich absolut zur Weltspitze zählen dürfen.

Wie erholen Sie sich vom stressigen Alltag als Bundestrainerin?

Wenn ich ein Zeitfenster habe, in der Regel indem ich mich in unseren wunderschönen Garten setze und ein Buch raushole. Oder ich versuche abzuschalten und mir mit meinem Mann, meiner Tochter und meiner Familie was Gutes zu tun. Von ihnen bekomme ich viel Support. Wir lenken uns dann ab, gehen ins Kino, oder machen was anderes Schönes gemeinsam. Aber jetzt ist erstmal eine intensive Zeit, die ich aber gerne habe, weil das bedeutet, dass wir bei einer WM dabei sind.