Wenn Sanktionen drohen

Der Sozialtreff Emmerich des Selbsthilfe e.V. unterstützt Arbeitslose und Sozialhilfe-Empfänger

EMMERICH. Fast jeder zehnte Erwerbstätige im Kreis Kleve ist arm – so lautet eines der Ergebnisse des Armutsberichtes 2018 des Paritätischen Verbandes. Ungleich höher ist die Armutsquote bei Menschen in Ausbildung (30,4 Prozent) und Arbeitslosen (62,9 Prozent), bei Rentnern sind es knapp 15 Prozent. Wer dann auf Leistungen wie Arbeitslosengeld II oder Sozialhilfe angewiesen ist, „für den werden die Hürden immer höher, obwohl alles von Verwaltungsvereinfachung redet“, sagt Herbert Looschelders vom Selbsthilfe e.V. – Verein für Sozialberatung. Dieser bietet in Emmerich künftig an jedem zweiten Dienstag eines ungeraden Monats von 15 bis 17.15 Uhr einen Sozialtreff im Aldegundisheim an.

Der Sozialtreff ist keine neue Einrichtung, startet nach einer Winterpause nun aber wieder neu. Seit 2009 finden diese Treffen statt, die Themen sind vielfältig: Infos zu Hartz IV, Erwerbsminderungsrente, Grundsicherung. „Eines der häufigsten Probleme, mit denen wir es zu tun haben, sind Wohnkosten, die vom zuständigen Jobcenter oder Sozialamt nicht vollständig gewährt werden“, berichtet der ehrenamtliche Sozialberater Heinz Gräbing. Looschelders führt weiter aus: „Mehr als die Hälfte aller Klagen vor dem Sozialgericht Duisburg betrifft die Mietrichtwerte.“

Ursache sei nicht selten, dass die zuständigen Sachbearbeiter nach Ansicht von Looschelders und Gräbing nicht ihrer Aufklärungspflicht nachkämen, „teilweise fühlen sich die Klienten sogar unter Druck gesetzt“, weiß Gräbing. „Sie verstehen beispielsweise nicht, weshalb bestimmte Sanktionen ausgesprochen werden – die auch nicht immer gerechtfertigt sind.“ Gleichzeitig werde aber eine immer größere Mitwirkung der Klienten verlangt. Das Ergebnis: „Die Dunkelziffer derer, die über bestimmte Ansprüche nicht Bescheid wissen, ist enorm hoch“, kritisiert Looschelders.

„Austausch zeigt: Ich bin nicht allein“

Hier will der Sozialtreff ansetzen. Dabei geht es nicht allein darum, Betroffene über ihre Rechte und Möglichkeiten – aber natürlich auch Pflichten – zu informieren. Dies kann auch in Einzelgesprächen passieren, die die Sozialhilfe – für Emmerich und Rees in Person von Heinz Gräbing sowie Rechtsanwältin Ricarda Lambertz (sie ist ebenfalls bei jedem Sozialtreff anwesend) – anbietet. „Wir wollen im Sozial­treff Menschen zusammenfassen, die ähnliche Probleme haben“, sagt Looschelders. „Sie können sich anonym untereinander austauschen und machen so die Erfahrung, dass sie nicht allein dastehen.“ Gräbing ergänzt: „Das ist uns sogar lieber als die Einzelberatung, die dennoch ein wichtiger Baustein des Konzeptes ist.“

Gräbing weiß, welche Bedeutung die Selbsthilfe und der Sozialtreff haben. Der gelernte Oberlederzuschneider, der 2007 eine Umschulung zum IT-Techniker machte, kam 2009 selbst zum Verein für Sozialberatung – als Betroffener. Dort nahm er dann seine ehrenamtliche Tätigkeit auf, eignete sich ein großes Wissen vor allem im Bereich Sozialrecht an und ist inzwischen für die Sozialtreffs in Kleve und Emmerich zuständig.

Nachfolger gesucht
Der nächste Sozialtreff für Emmerich und Rees findet am Dienstag, 14. Mai, im Aldegundisheim in Emmerich statt. Nach dem Ausscheiden des ehemaligen Richters Bernd Stadtmann im Jahr 2017 sucht die Selbsthilfe einen Nachfolger für den Sozial­treff in der Hansestadt. „Jemand mit einem ähnlichen Background wäre toll“, sagt Heinz Gräbing.

Bis zu zwölf Teinehmer kommen zum Sozialtreff nach Emmerich – dass es künftig weniger werden, erwarten weder Gräbing noch Looschelders. Letzterer zeichnet ein eher düsteres Bild: „Es wird davon abhängen, wie sich Hartz IV entwickelt. Es steht zu befürchten, dass der Bedarf noch größer wird.“ Denn die Bürokratie wachse immer weiter, wie auch die mangelhafte Information der Betroffenen und die Androhung von Sanktionen durch die zuständigen Stellen. Ein Beispiel: „In Kleve habe ich aktuell einen Mann, dem eine 100-prozentige Leistungskürzung angedroht wird, obwohl er noch nicht einmal einen Leistungsbescheid erhalten hat“, berichtet Gräbing kopfschüttelnd.

Abschließend betont Herbert Looschelders: „Unser Wunsch wäre es natürlich, wenn der Bedarf an Sozialtreffs geringer würde – und irgendwann sogar überflüssig.“