Das Pizza-Rezitativ oder: Chefs für zehn Minuten

Früher antworteten Kinder auf die Frage nach dem Traumberuf nicht selten „Lokführer“ – immer im Rennen: Polizist, Feuerwehrmann, Astronaut. Und heute: Arbeiten bei Google oder Apple oder „irgendwas mit Medien“.
Antonio ist das, was man einen Parade-Italiener nennen würde. Geboren in Napoli – vor 45 Jahren. Für Antonio, den Neapolitaner, gab es auf die Frage nach dem Traumberuf immer nur eine Antwort: „Pizzabäcker.“
Antonio – wen wundert es bei diesem Namen – hat sich an seinen Wunsch gehalten: Antonio Gatto – Pizzabäcker. Die Adresse von Antonios Pizzeria: Kleve, van den Bergh Straße 6 d. Wo war denn da ein Italiener? Keine Top-Location mit Traumambiente – Antonios Pizzeria ist eine Art Wohnwagen am Stadtrand. Irgendwie schräg, aber auch irgendwie sympathisch: Bella Italia.
„Angefangen haben wir vor dem Radhaus. Das war im September 2013. Dann waren wir am Tower Club. Der wurde ja abgerissen. Jetzt sind wir seit einem Jahr hier.“ Sagt Mirko. Mirko ist 17 und der Sohn von Antonio und … kein Witz: Antonella. Mirko, so viel steht fest, wird nicht in Antonios Fußstapfen treten. Mirko macht gerade ein ‚Praktikum bei der Stadt‘. Sein Ziel: Verwaltung. Trotzdem: Mirko gehört zu Antonios Team. Wenn es heiß her geht bei „Bella Italia“, werden drei Leute gebraucht. Antonio backt die Pizza. Zwei Ofen stehen im Wagen. Wenn ein Kerl wie Antonio die Arme ausbreitet, kann er mit den Fingergspitzen die Wände berühren … fast.
Antonio ist ein Italienier wie man ihn sich vorstellt. Irgendwie Schauspieler, Operntenor, Akzentmeister und Werbefachmann in einer Person. Wenn es um seine Pizza geht, ist er wortreich und hat eben jenen Akzent, den man erwartet. (Isch habe gar keine Auto, denkt man.) Sein Deutsch, sagt Antonio, sei nicht das beste, aber seine Fantasie ruhe nie. Er hat sich einen Spruch ausgedacht, mit dem er seine Pizza anpreist: „Einmal gegessen – nie mehr vergessen.“
„Hier“, sagt er, „probier mal den Käse“, und schneidet ein Stück ab. „Die Leute sagen: Der ist doch zu viel zu schade für die Pizza. Das sehe ich anders.“

NN-Foto: Rüdiger Dehnen
Antonios Produkt: 26 Durchmesserzentimeter, „fatte con grande passione! 110 Prozent Italia.“ Das müsste man sich dann gesungen denken – untermalt von ausladenden Gesten. Ganz großes Pizza-Theater. Auch Heimwerker werden angesprochen: „Sie können Ihre Pizza auch selbst basteln!“, heißt es in der Karte. Kaum ein Satz ohne Rufzeichen am Ende. Ein Italiener spricht nicht – alles wird zur Deklamation: das Pizzarezitativ. Wo sonst hätte Oper erfunden werden können, wenn nicht in Italien?
Antonio hat Stammkunden. Und: Antonio liefert auch. Vor dem Pizza-Mobil steht ein Smart. Antonio hat sogar eine Internet-Adresse. Eine Telefonnummer gibt es auch. Montags ist Ruhetag. Ansonsten gilt: Dienstags bis freitags von 12 bis 14 Uhr und von 18 bis 21 Uhr, samstags von 18 bis 22 Uhr und sonntags von 17 bis 21 Uhr geöffnet. Antonio hat keine Angst vor markigen Sprüchen. Auf der Karte, die er hat drucken lassen, steht: „Angst zu probieren? Kein Problem! Sie erhalten bei von uns eine Geld-zurück-Garantie“. Das ist mal eine Ansage. „Zeigen Sie mir eine Pizzaria, die das macht“, sagt Antonio und man merkt ihm an, dass er sicher ist, der Einzige zu sein, der dieses Angebot macht. „Natürlich kann nicht jemand seine Pizza aufessen und dann sagen, er will sein Geld zurück, weil es nicht geschmeckt hat.“ Certo. Sicher.
Seit 20 Jahren sind er und Antonella verheiratet. Kennengelernt haben sie sich in Deutschland – der Mann aus Napoli und die Frau aus Calabrien. Er ist seit 1998 in Deutschland, sie – Bäckereifachverkäuferin – ein paar Jahre länger. Wie oft denkt Antonio darüber nach, irgendwann in Italien Pizza zu backen? „Ich stehe jeden Tag auf und denke ich will weg und jeden Tag bleibe ich dann doch.“ Nein – Italien ist noch nicht dran. In ein paar Jahren? Wer weiß. Antonella und er sind zufrieden. Manche Kunden kommen, wenn das Wetter schön ist, um ein Schwätzchen zu machen, bevor sie ihre Pizza mitnehmen. Wie sieht Antonio seine Kunden: „Jeder von denen ist mein Chef“, sagt er – „für zehn Minuten.“
NN-Foto: Rüdiger Dehnen