NIEDERLANDE. Timo ist ein zauberhafter Wanderführer. Das fröhliche „Trapp, trapp, trapp“ seiner kleinen Hufe auf dem Asphalt gibt den Takt vor. Die dunklen Augen blicken geduldig, die langen Ohren sind nach vorne gerichtet. Der kleine Kerl mit dem flauschigen grauen Fell trottet brav daher. Mit Timo kann man die Zeit vergessen, den Alltag hinter sich lassen und wenn man sich erst einmal auf sein gemütliches Eseltempo eingelassen hat, klappt es mit der Entschleunigung ganz von alleine.

 

Ein gutes Team: Sonja Derks mit Esel Timo und seinen vier „Kollegen“ Juri, Mowgli, Carel und Kajsmier.
Ein gutes Team: Sonja Derks mit Esel Timo und seinen vier „Kollegen“ Juri, Mowgli, Carel und Kajsmier.

Die Eselwanderung rund um Ravenswaaij im niederländischen Landstrich Betuwe beginnt bei Sonja Derks „echt lekker“ mit hausgemachtem Apfelkuchen und kopje koffie. Auf ihrem „Hof op de Oeverwal“, nicht weit vom Fluss Lek, hat sie sich einen Traum erfüllt und hält seit acht Jahren Esel. Fünf Wallache – Timo, Juri, Mowgli, Carel und Kajsmier – gehören seither zur Familie. Ihre eigenen Erfahrungen im Eselwandern mit Kindern in Frankreich haben Sonja auf dieses besondere Hobby gebracht, das sie gerne mit anderen Menschen teilen möchte. „Mir ist wichtig, dass unsere Gäste einen schönen und lustigen Tag mit unseren Eseln verbringen“, sagt sie. Sie verleiht ihre Esel für Tages- und Mehrtagestouren, sie hat ein Bed and Breakfast und arrangiert auch längere Touren mit eselfreundlichen Übernachtungsmöglichkeiten.Und sie bietet ihren Gästen eine „Schlechtwetter-Versicherung“ an. Sollte der geplante Ausflug mit Esel wegen schlechten Wetters buchstäblich ins Wasser fallen, kann man unkompliziert und kostenlos einen Ausweichtermin vereinbaren.

Der Empfang auf Sonjas kleinem Eselhof ist herzlich. Nach der gemütlichen Einführung und der Auswahl der Tour aus verschiedenen Wanderstrecken zwischen fünf und 15 Kilometern Länge ist Timo an der Reihe: kennenlernen, putzen, streicheln und satteln. Am hölzernen Packsattel  hängen zwei große Taschen, die mit einem üppigen „Betuwe“-Picknick mit regionalen Produkten, einer langen Leine für Timos „Mittagspause“, Decken und Esel-Futter gefüllt sind. In einer Klarsichthülle hängt die Tourenkarte am Sattelkreuz. Jetzt heißt es: Führstrick in die Hand nehmen und los.

 

Der erste Teil des Weges führt am Lek-Deich entlang. Esel Timo beobachtet neugierig, wie ein Bauer seine Schafe zusammentreibt.
Der erste Teil des Weges führt am Lek-Deich entlang. Esel Timo beobachtet neugierig, wie ein Bauer seine Schafe zusammentreibt.

Es geht Richtung Deich. Rivierenland, Flüsseland, nennt sich die Region zwischen Lek und Linge. Die Landschaft ist geprägt von Wasser und Obst­anbau. Es gibt idyllische Dörfchen, weite Wiesen und immer wieder Apfel- und Birnenplantagen. Auf dem ersten Stück des Weges rund um Ravenswaaij fließt der Lek gemütlich unter einem blauen Oktoberhimmel dahin, vier weiße Segelboote ziehen mit dem leichten Wind, ein Bauer und sein Border Collie treiben eine Herde Deichschafe zusammen. Timo testet seine Möglichkeiten aus und will von der Straßenrandbegrünung naschen. „Die ersten 20 Minuten sind entscheidend“, hat Sonja gesagt. Da muss Timo lernen, wie wir „ticken“, damit er sich auf uns einstellt und die Wanderung nicht zum Esel-Steh­imbiss wird. Sanfter Druck und Timo legt den Vorwärtsgang ein.
Der Weg führt dann entlang des Amsterdam-Rhein-Kanals. Den Picknickplatz an der Prinzessin-Marijke-Schleuse steuert Timo zielstrebig an, doch das Proviantpaket bleibt vorerst in der Tasche, das erste Viertel der Zehn-Kilometer-Runde ist gerade mal geschafft. Den Kanal im Rücken, geht es weiter über kleine geteerte Straßen vorbei an unzähligen Obstbäumen. Jetzt im Herbst bieten die Obstbauern ihre Produkte an jeder Ecke in kleinen Selbstbedienungsbuden an – entsprechend erwartet die Besucher im Frühling in weißes Blütenmeer. Wo keine Obstbäume stehen, weiden meist Pferde, Ziegen und Schafe. Sie alle „begrüßen“ Timo wie einen alten Bekannten und beäugen die Wandergesellschaft neugierig. Wenn man mal einem Menschen begegnet – auf dem Fahrrad oder ganz selten im Auto – , geht ein freundliches Lächeln mit dem Gruß einher. Wandern mit Esel bringt Sympathiepunkte.

[quote_box_left]Infos
Saison ist auf dem „Hof op de Oeverwal“ von April bis Ende Oktober.
Ein Esel kostet 60 Euro pro Tag, bei Mehrtagestouren 55 Euro pro Tag.
Anschrift: Hof op de Oeverwal, Donkerstraat 18,
4119 LZ Ravenswaaij
Internet: www.ezelvakantie.nl
Ravenswaaij im Rivierenland liegt in der Provinz Gelderland zwischen Nijmegen und Utrecht. [/quote_box_left] Ungefähr auf halber Strecke lohnt sich ein Abstecher in die „Burense Antiek- en Snuffelhal“. Auf dem Hof mit Mini­gastronomie sind zwei Scheunen bis unters Dach mit Trödel und Kuriositäten gefüllt. Und auf der sonnigen Terrasse lässt sich wunderbar der Ausblick über die Wiesen genießen. Nur wenige Gehminuten weiter auf dem Wanderweg liegt der zweite Picknickplatz. Der rustikale Tisch und zwei Bänke stehen unter alten Apfelbäumen, die Aussicht ist herrlich und Timo kann an der langen Leine nach Herzenslust grasen. Hier zeigt sich auch, dass die Butterbrote, zur Sicherheit noch zuhause geschmiert, völlig überflüssig sind. Sonja hat in ihrem Lunchpaket an alles gedacht: belegte Brote mit Käse und Schinken, (Rosinen-)Brötchen, fertig gebuttert für die leckere Apfel-Walnuss- und Himbeer-Birnen-Marmelade, Schokostreusel, Apfelsaft, Wasser, Äpfel,…

So gut gestärkt ist das letzte Drittel des Weges ein Klacks. „Trapp, trapp, trapp“ – das Eseltempo ist auch den Zweibeinern mittlerweile in Fleisch und Blut übergegangen. Und entsprechend entspannt ist nach zehn Kilometern Fußmarsch die Ankunft bei Sonja. Beim Absatteln wird geplaudert und geschwärmt. Timo wird freudig von seinen vier „Kollegen“ begrüßt und bekommt zum Dank noch eine große Hand voll Futter und ein paar Schmuseeinheiten.  Ende Oktober ist Feierabend für die Fünf, dann machen Sonja und ihr Eselverleih bis April Pause. Doch wer bis dahin  seine eigene Erfahrung im Entschleunigen im Eseltempo machen möchte, kann auch kurzfristig noch Termine buchen.