Ein neues Bild an der Wand belebt wie ein Frisörbesuch

In der Stadtbücherei Xanten ging die Artothek an den Start: ein Selbstversuch

XANTEN. Heutzutage schreit alles nach Veränderung, es muss besser, schöner, schneller, moderner sein. Egal, ob Kleidung, Auto, Smartphone, Fernseher, Laptop, Möbel oder Ehepartner – immer muss etwas Neues her, sonst langweilen wir uns. Doch wie sieht es mit den Wänden unserer Wohnung aus? Hängt da nicht das gleiche Bild, das auch schon vor 20 Jahren die leere Fläche füllte? Wie bekommen wir denn da Abwechslung rein?

Leihweise blickt die Schilffrau nun vom Platz über meinem Sofa herab - und hat mit ihrer Anwesenheit den ganzen Raum verwandelt. Dieser Effekt lässt sich ganz leicht mit Hilfe der Artothek in der Xantener Stadtbücherei erzielen. NN-Foto:Ingeborg Maas
Leihweise blickt die Schilffrau nun vom Platz über meinem Sofa herab – und hat mit ihrer Anwesenheit den ganzen Raum verwandelt. Dieser Effekt lässt sich ganz leicht mit Hilfe der Artothek in der Xantener Stadtbücherei erzielen. NN-Foto:Ingeborg Maas

Es soll ja was Schönes sein und gute Kunst ist nicht gerade billig. Doch es gibt sie, die Chance auf ein völlig neues, vielleicht auch gewagtes, auf jeden Fall ungewohntes Outfit für den Platz über dem Sofa. Und das kostet so gut wie nichts. NN-Redakteurin Ingeborg Maas wagt den Selbstversuch: Sie  nutzt das Angebot, das die Galerie im DreiGiebelHaus gemeinsam mit der Xantener Stadtbücherei am 1. September ins Leben gerufen hat, sich in der Artothek ein Bild auszuleihen. Der Fundus für die Artothek wird durch Leihgaben und Schenkung von Künstlern und Kunstfreunden, die dem Netzwerk der Galerie im DreiGiebelHaus nahe stehen, gespeist.
Doch wie funktioniert das eigentlich – Kunst ausleihen? Bilder sind ja nicht unbedingt so handlich wie Bücher. Aber es geht viel einfacher als gedacht. Aus den Bildern, die im Internet unter www.stadtkultur-xanten.de/projekte/artothek zu sehen sind, habe ich im Handumdrehn das Lieblingsbild ausgesucht: „Die Schilffrau“ von Gabriele Kremer. Eine großformatige Fotografie in besonderer Technik, die erst dann ihre Wirkung entfaltet, wenn man nicht zu nah davor steht. Also muss der Raum dafür passend sein und die Möglichkeit einer gewissen Entfernung bieten. In der Bücherei ist das kein Problem. Aber wie würde es in meinem Wohnzimnmer wirken?
Das Bild wird in eine der dicken, großen Papptaschen gepackt, die die Bücherei eigens für diesen Zweck zur Verfügung stellt und kann so problemlos mit dem Auto transportiert werden. Kurze Strecken könnte man damit auch zu Fuß zurücklegen. Bei der Ausleihe wird der Personalausweis vorgelegt, ein Formular unterschrieben, dass man sich dieses Kunstwerk ausgeliehen hat, fünf Euro Gebühr entrichtet und das ist es dann auch schon – ein vielversprechender Anfang.
Zuhause stellt sich nur ein kleines Problem: Der Nagel, an dem seit 20 Jahren das inzwischen so langweilig gewordene „Haus- und Hofbild“ hängt, reicht nicht für das Leihbild. Es müssen passende Haken oder Schrauben mit Dübeln in die Wand. Schließlich soll das gute Stück ja auch sicher hängen. Aber wenn frau selber stolze Besitzerin einer Bohrmaschine ist oder einen Schwiegersohn mit selbiger hat, lässt sich auch dieses Problem leicht lösen. Ausmessen, bohren, schrauben – passt! Kurz darauf hängt es da – und hat eine umwerfende Wirkung. Das ganze Zimmer sieht anders aus, wie komplett neu gestylt.
Abends kommt Besuch, die Spannung steigt. Die Freunde kennen die Wohnung. Werden sie den Unterschied merken? Schon beim ersten Schritt ins Wohnzimmer kommt die Antwort: „Was hast Du denn da für ein tolles Bild? Das sieht ja fantastisch aus. Wie kommst Du denn da dran? Seit wann gibst Du denn Geld für Bilder aus?“ In dem Stil fallen noch einige Bemerkungen, aber eins wird schnell klar: Die Veränderung ist einfach nicht zu übersehen und wird äußerst positiv bewertet – das Bild und damit der neue Wohnzimmer-Look gefällt, und wie!
Tatsächlich betrachten im Lauf des Abends immer wieder einige der Freunde erneut die Schilffrau mit ihrem unergründlichen Gesichtsausdruck. Und dann kommt auch die Frage, auf die ich schon gewartet habe: „Wie lange kannst du das denn behalten? Musst du es überhaupt zurückgeben oder kannst du es kaufen?“
Ja, die Bilder kann man kaufen und die Ausleihfristen sind sehr großzügig bemessen, bis zu einem Jahr. Und ich habe auch noch Antworten auf andere Fragen gefunden wie: „Warum leiht man sich Kunst, was soll das?“ Ein neues Bild an der Wand hat mindestens den gleichen belebenden Effekt wie ein Frisörbesuch oder eine ausgedehnte Schopping-Tour, es macht einfach Spaß, ist innovativ  – und dank Artothek fast umsonst.  Und man kann vor einem eventuellen Kauf die Wirkung des jeweiligen Werkes in den eigenen vier Wänden erkunden, denn längst nicht jedes Bild passt in jedes Zimmer. Aber das hier, das passt! Jedes Mal, wenn ich das Wohnzimmer betrete, graut mir vor dem Zeitpunkt, an dem ich das Bild wieder abnehmen und durch das alte, so öde gewordene ersetzen muss. Aber es gibt ja noch viel mehr Bilder in der Artothek.Nach dieser ersten Erfahrung könnte es sein, dass ich da Stammgast werde und auch anderen Menschen Mut zum Bilderwechsel mache in der Hoffnung, dass noch viel mehr Künstler ihre Werke der Artothek zur Verfügung stellen und so ihre Kunst in viele, viele langweilige Wohnzimmer bringen. Und eins steht jetzt schon mal fest: Die Ausleihfrist, die werde ich gnadenlos bis zum letzten Tag ausnutzen.