Zeitzeuge des Wandels

Viertes Heft der „Graefenthaler Schriftenreihe“ stellt M. F. S. Sinsteden vor

ASPERDEN. Unter der napoleonischen Herrschaft wurden auch am Niederrhein kirchliche Besitztümer eingezogen und verstaatlicht. Am 9. Juni 1802 traf es das Kloster Graefenthal, bis dahin eine Abtei der Zisterzienserinnen. Neuer Besitzer wurde Michael Franz Severin Sinsteden. 1758 in Bockum bei Krefeld geboren, führte ihn sein Weg nach dem Studium im diplomatischen Dienst für das habsburgische Österreich nach Malta und später wieder zurück an den Niederrhein.

Stellten den vierten Band in der Remise des Klosters vor (vl): Autor Hans-Georg Steiffert, Franz Engelen (Pagina Verlag), Anke Helbing (Projektbeauftragte des Fördervereins) und Thomas Müller (Vorstand Verbandssparkasse Goch-Kevelaer-Weeze.  NN-Foto: CDS
Stellten den vierten Band in der Remise des Klosters vor (vl): Autor Hans-Georg Steiffert, Franz Engelen (Pagina Verlag), Anke Helbing (Projektbeauftragte des Fördervereins) und Thomas Müller (Vorstand Verbandssparkasse Goch-Kevelaer-Weeze. NN-Foto: CDS

Mit seinem wechselvollen Leben beschäftigt sich das vierte Heft der Graefenthaler Schriftenreihe, das der Förderverein Kloster Graefenthal nun herausgebracht hat. „Damit schließt sich eine Lücke“, erklärt Michael Urban, 2. Vorsitzender des Fördervereins. Im ersten Heft geht es um den Bau des Klosters, im zweiten um das Kloster-Archiv und im dritten Heft werden die Graefenthaler Papsturkunden untersucht. „Der zeitliche Rahmen ist mit diesem Band erschöpfend umfasst“, so Urban. Für den Inhalt zeichnet Hans-Georg Steiffert, ehemaliger Schul- und Internatsleiter des Collegium Augustinianum Gaesdonck, verantwortlich. Er hatte die Möglichkeit, das Archiv der Familie Sinsteden zu untersuchen, die das Kloster bis 1963 besaß, es dann an die Stadt Goch verkaufte und nach Irland auswanderte.

Als Zeitzeuge interessante Epochen erlebt

Über 800 handschriftliche Seiten sichtete Hans-Georg Steiffert und übertrug wesentliche Auszüge daraus in eine für heutige Leser verständliche Form. Besonders interessant sei hier die Zeit gewesen, bevor M. F. S. Sinsteden das Kloster kaufte, so Steiffert: „Als Zeitzeuge hat er interessante Epochen erlebt, die er mit seinem Blick erlebt und wahrnimmt.“ Aus wohlhabender Familie stammend, hat Sinsteden in Köln und in Göttingen studiert, letztere galt als Reformuniversität, an der auch die englischen Königssöhne ausgebildet wurden.

Für die Habsburger Monarchie war Sinsteden beim Johanniter-Orden als kaiserlicher Botschaftssekretär tätig; er erlebte auf der Insel die Auswirkungen der unterschiedlichen politischen Interessen der Großmächte im Mittelmeerraum und auch das Ende der Ordensherrschaft auf Malta. Als Sinsteden 1791 seinen Dienst auf Malta beenden musste, war das der Beginn einer persönliche Krise: „Der Gedanke, den Rest seines Lebens am Niederrhein zu verbringen und hier zu arbeiten, stürzte ihn in eine Depression“, erzählt Steiffert. Doch Sinsteden arrangierte sich mit den Gegebenheiten. Zunächst war er als Beamter für die Franzosen tätig, später – in preußischen Diensten – war er Kreisdirektor in Kleve. „Er hat publiziert und sich politisch eingebracht“, beschreibt Hans-Georg Steiffert Sinstedens vielseitige Interessen, „er hat Texte vom Lateinischen ins Deutsche übersetzt, er wollte Teil der intellektuellen Diskussion werden.“

Von Runkelrüben-Anbau bis zum Kanalbau

Die Themen seiner eigenen Schriften waren breit gefächert, sie reichten vom Runkelrüben-Anbau zur Zuckergewinnung bis zum Kanalbau. Mit dem vierten Band der Schriftenreihe werde eine Person ins Rampenlicht gerückt, die für Graefenthal wichtig sei: „Ohne ihn säßen wir nicht hier“, betont Steiffert. Und ohne Hilfe wäre auch das neue Heft nicht zustande gekommen, betont Michael Urban. Die äußere Gestaltung hat Franz Engelen (Pagina-Verlag/Druckerei Boss) übernommen, die Verbandssparkasse Goch-Kevelaer-Weeze hat die Drucklegung finanziell unterstützt. „Das sehen wir als Teil unserer Bürgerdividende“, sagt Thomas Müller, Vorsitzender des Vorstandes der Verbandssparkasse.

Das Heft ist ab sofort für 14,95 Euro im örtlichen Buchhandel und beim Förderverein (http://www.kloster-graefenthal.de) erhältlich. Der gesamte Erlös ist für das „1a-Projekt“ des Fördervereins gedacht: Die Restaurierung des Hochgrabs von Graf Otto II. von Geldern, der das Kloster 1248 gegründet hat. Denn seitdem 1808 die Klosterkirche abgerissen und das Material für den Bau der ersten katholischen Kirche in Pfalzdorf verwendet wurde, liegt das Hochgrab des Stifters im Freien.