Vater, Vorbild, bester Freund

Tattoos haben Geschichten – oft handeln sie von Gewinnen und Verlusten

NIEDERRHEIN. Manchmal dreht sich ein Leben von jetzt auf gleich. Wenn morgens um 1 Uhr die Polizei klingelt, steht eines fest: Es geht nicht um falsches Parken…

Mike Püllen ist 25. Er wohnt in Straelen. Seine Autolackiererei ist in Kevelaer. Er spielt Schlagzeug. Er hat einiges drauf – schaffte es beim „Supertalent” auf Platz 28, kann Feuerspucken und Schlagzeugspielen gleichzeitig und ist mindestens zwei Mal im Monat trommelnd unterwegs. „Mit zwei Jahren merkte mein Vater, dass ich einen Hang zur Musik hatte.” Kein Wunder. Der Vater, Jüppi Püllen, Keyboarder bei „Sacred Groove” und „mein großes Vorbild und bester Freund”. Mit acht begann für Mike der Schlagzeugunterricht. „Ich habe acht Jahre lang gelernt. Dann sagte mein Lehrer: Ich kann dir nichts mehr beibringen, aber wenn du irgendwann noch Fragen hast, kannst du mich anrufen.” Mike Püllen lernte Lackierer in der Firma seines Vaters. Tagsüber Autos, abends Schlagzeug.

Mike Püllen hat sich zur Erinnerung an seinen verstorbenen Vater ein Tattoo stechen lassen.  NN-Foto: R. Dehnen
Mike Püllen hat sich zur Erinnerung an seinen verstorbenen Vater ein Tattoo stechen lassen.
NN-Foto: R. Dehnen

Manchmal dreht sich das Leben in einem Augenblick. Für Mike Püllen war es der 10. Juli 2014. Es war morgens gegen 1 Uhr. „Als die Polizei bei mir schellte, habe ich erst mal gedacht: Vielleicht hast du irgendwo Mist gebaut. Zu schnell gefahren. Was auch immer.” Mike Püllen hatte keinen Mist gebaut.Niemand hatte Mist gebaut, aber sein Vater war trotzdem tot: Auf regennasser Fahrbahn von der Straße abgekommen, schräg gegen einen Baum geprallt. Genickbruch. „Wir hatten abends noch zusammen gegessen. Dann fuhr mein Vater zum Probenraum. Seine Band war mit der Produktion einer neuen CD beschäftigt. Mein Vater hat an seinem letzten Tag noch die letzten Keyboard-Partien eingespielt.” Für den Sohn war immer klar: Er wollte ein Tattoo – eines zu Ehren des Mannes, den er seinen besten Freund nennt, sein Vorbild und „den besten Vater, den du haben kannst.” Püllen ließ sich eine Zeichnung entwerfen. Betende Hände, Noten, Orgelpfeifen und die Worte „Light of the World”. „Das war der Titel eines Stückes, das mein Vater komponiert hat.”

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Tattoo_Logo

Ein Freund machte den Entwurf und empfahl einen Tätowierer in Köln. Am 3. Juni machte sich Püllen mit seiner Freundin auf den Weg. „Vorher war ich noch kurz in der Firma. Im Büro fand ich im Schrank ein Gebetbuch meines Vaters.” Darin eines der typischen Heiligenbildchen: Eine Rosenmadonna. „Ich habe mir nichts dabei gedacht und das Gebetbuch in den Schrank zurück gestellt.” Püllen fuhr nach Köln, ging zum Tätowierer. „Der hat sich den Entwurf angesehen und mir gleich gesagt, dass er das so nicht machen würde.” Zu viel Details. Kein wirkliches Zentrum für den Betrachter. Der Vorschlag: „Du gehst in die Stadt. Ich zeichne da mal was und dann sehen wir weiter.” Als Püllen zurückkam und den Entwurf sah, war er gleich einverstanden. Die betenden Hände waren verschwunden. An ihrer Stelle – als Zentrum des Bildes – das Bild einer Frau, die der Rosenmadonna sehr ähnlich sieht. „Wir haben darüber nie gesprochen”, sagt Püllen. „Mein Vater war ein gläubiger Mann”, sagt Püllen. „Er hat das nach außen nicht groß gezeigt, aber es war so.” Daher die betenden Hände des ersten Entwurfes. Dass das Madonnenbild, das jetzt auf Püllens Oberarm zu sehen ist, eben jenem Bild aus dem Gebetbuch des Vaters ähnelt, ist für Püllen kein Zufall. „Ich denke noch heute jeden Tag an meinen Vater. Besonders, wenn ich schwierige Entscheidungen zu treffen habe, frage ich mich, was er wohl gemacht hätte.” Wenn es ein Jenseits gibt, dann gibt es dort einen Jüppi, der stolz ist auf seinen Sohn.

Heiner Frost